Peter Sloterdjik über Deutschland und die Globalisierung
Abschied von der Utopie einer Gewinnerwelt

Die seit Wochen die Medien beherrschende Kapitalismus-Debatte exponiert Deutschlands bekannter Philosoph Peter Sloterdijk im Interview mit der WirtschaftsWoche zum "Dschihad gegen den Kapitalismus". Er kanzelt SPD-Chef Franz Müntefering als Allround-Verlierer ab, der einerseits als Politiker im Einkommensvergleich mit Managern das Nachsehen habe. Andererseits ist er Mitglied im Kreis der "besten aller Verlierer in der Geschichte": Die Deutschen.

HB DÜSSELDORF. Nach dem Krieg haben die Bundesbürger im Kollektiv eine Loser-Mentalität verinnerlicht, ergänzten diese aber um den Tunnelblick des ökonomischen Siegers, der zu spät die mitinitiierten Spielregeln des globalen Kapitalismus erkannte. „Wir müssen riesige Ignoranzfelder aufgeben – und uns damit abfinden, dass die weißen Flecken auf den Landkarten ersetzt werden von realen Mächten und Menschen, die uns ihre Koexistenz aufnötigen“, dramatisiert Sloterdijk die Sicht auf die Globalisierung.

Deutschland krankt an der „Utopie einer verliererlosen Welt“, in der es dennoch einen Verlierer gibt: den (sozialen) Nationalstaat. Denn gerade weil die Deutschen jahrzehntelang die „bestversorgte Population der Menschheitsgeschichte“ waren – und sind („Minimal-Fortuna Hartz IV“) -, malen sie bei ausbleibenden Wachstum und Renten gleich den Teufel an die Wand. Die Deutschen fühlen sich verwundbar, haben Angst vor Schulden und Arbeitsplatzverlust, träumen jedoch vom „totalen Urlaub“.

Konsequenterweise sei das Problem der fehlende Unternehmergeist, das Talent, aus Eigennutz zu handeln, wie es uns z.B. die Amerikaner vormachen. Es fällt auf, dass es in Deutschland am Bezug zur kapitalistischen Realität fehlt, an ihr wird nur an der Oberfläche gekratzt, weil zu viele Deutsche von ihr nicht überzeugt sind. Und um „das Realitätsgefühl zu eichen“, bräuchten sie den „Ernstfall“, sagt der Philosoph Sloterdijk und spielt auf die Spendenrekorde für die Tsunami-Opfer an: „Wir sind dankbar dafür, wenn uns die Not der anderen daran erinnert, wie sich die eigentlichen Kosten des Realen beziffern.“

"Die Flutkatastrophe in Südostasien war für uns ein ganz großes kathartisches Erlebnis."

Doch erfahren die Deutschen ja momentan selbst, was es heißt, in einer zusammenwachsenden Welt zu leben, in der multinationale Unternehmen dort produzieren, wo die Arbeitskräfte am günstigsten sind. Der Nationalstaat wird entmachtet und kann sein soziales Sicherungssystem nicht mehr finanzieren. Die Folge ist zunehmende soziale Instabilität, die Solidarität schwindet und es gibt in Deutschland auf einmal doch Verlierer größeren Ausmaßes.

Das Individuum krankt mit seinem Nationalstaat. Doch wenn die Deutschen in der globalen Welt fortbestehen wollen, müssen sie sich von der Immunschwäche erholen, ergo der Realität ins Auge sehen und notfalls auf den Nationalstaat verzichten.

Für die Regenerationsfähigkeit entscheidend sei laut Sloterdijk ausschließlich das richtige Wohnen. „Die politische Heimat ist das Sekundäre und notfalls entbehrlich, das Wohnen hingegen ist ein primärer anthropologischer Imperativ“, doziert der Professor. Er postuliert die Macht der Gewohnheit, die „lokale Nische“ also, die erst zu Weltoffenheit befähige und rät als Quintessenz zum Schlaf. Denn „nur im Schlaf zu Hause sind wir ganz bei uns“.

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Der Sloterdijk-Beitrag auf wiwo.de

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