Pfahls-Prozess
Der letzte Zeuge: Helmut Kohl

Was für ein Spektakel, was für ein Schauspiel. Fehlt nur noch der Applaus. Wie er sich da hineinschiebt in den voll gestopften Saal, ein stoisches Massiv im hellgrauen Tuch, ohne Blick für die Presse und den Angeklagten: Das ist ganz großes Kino.

AUGSBURG. Dieter Wedel hätte es wohl nicht besser inszenieren können: Altkanzler Helmut Kohl, der große Bellheim der Politik, ist aufmarschiert, die Öffentlichkeit noch einmal hinter die Kulissen schauen zu lassen. Erst als der Vorsitzende Richter Maximilian Hofmeister höflich an die Fotografen erinnert, dreht er sich – nach einer gekonnten Kunstpause – ein wenig um. Blitzlichtgewitter.

Es ist ein mit Spannung erwarteter Auftritt. Kohl ist der letzte Zeuge im Prozess gegen den früheren Rüstungsstaatssekretär Ludwig-Holger Pfahls, der Schmiergelder für einen Panzerdeal mit Saudi-Arabien kassiert haben soll. Es geht um Millionen, Macht und Machenschaften in der Ära Kohl – und es wird das Solo für einen Mann ohne Zweifel.

Kohls Rolle hat Richter Hofmeister bereits im Vorfeld klar umrissen: Hier, im schmucklosen großen Sitzungssaal des Augsburger Landgerichts, soll er Geschehnisse aus dem Jahr 1991 wieder zum Leben erwecken. Kohl soll Zeugnis darüber ablegen, was damals passierte, zu Zeiten des Golf-Kriegs. Als Saddam Hussein Kuwait überfiel, als Saudi-Arabien um Hilfe bat, als 36 Fuchs-Spürpanzer aus Bundeswehrbeständen in den Golf-Staat gingen.

Pfahls soll diesen Deal gegen den Willen von Militärs und Teilen der Bundesregierung eingefädelt und dafür vom Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber rund zwei Millionen Euro Schmiergeld kassiert haben. Jener Pfahls, dem deshalb jetzt der Prozess gemacht wird wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung.

Der hat im Verlauf des Verfahrens zwar zugegeben, Geld von Schreiber bekommen zu haben – aber nur für allgemeine Lobbyarbeit. Pfahls sieht sich nur als Vollstrecker des Panzergeschäfts, nicht als Entscheider, eher als Marionette, die von den unsichtbaren Fäden der Macht selbst gesteuert wurde. Der Panzerdeal, so Pfahls zum Prozessauftakt, „war Chefsache, das war die Entscheidung der großen Politik“.

Chefsache, große Politik: Helmut Kohl greift zu seinem Redemanuskript. Es ist mucksmäuschenstill, nur das Rascheln des Papiers trägt sich über sein Mikrofon in den Saal. Langsam presst er die Worte heraus in seinem bekannten Pfälzer Genuschel – und doziert erst einmal über die Zeit Anfang der 90er-Jahre. Damals trieben ihn die Probleme der deutschen Einheit um, der Bundestagswahlkampf und zugleich der beginnende Golfkrieg. Das sei die erste große Herausforderung für das wiedervereinte Land gewesen, sagt Kohl. „Die Frage, wie Deutschland sich in der Völkergemeinschaft verhalten würde.“ Ein paar Zuhörer gähnen. 

Weiter geht der Geschichtsunterricht. Es habe massive Forderungen der bei der Wiedervereinigung behilflichen Amerikaner gegeben, einen Beitrag zur Bekämpfung der Krise am Golf zu leisten, erzählt Kohl. Und dann empört: „Man warf mir damals vor, meinen Freund George Bush im Stich zu lassen.“ Doch Soldaten wollte Kohl nicht schicken, also traf er sich am 15. September 1990 mit US-Außenminister James Baker in Ludwigshafen. Und dann, endlich, spricht er die Sätze, auf die es dem Gericht und der Staatsanwaltschaft ankommt – und auf die Pfahls so sehnlich gewartet haben dürfte. „In diesem Zusammenhang habe ich Baker die Lieferung der Spürpanzer an die Saudis zugesagt. Ganz einfach: Ich werde das genehmigen.“

Er habe diese Entscheidung allerdings bis zur Sitzung im Sicherheitsrat geheim gehalten, auch vor dem Kabinett. „Sonst hätte es ja am nächsten Tag gleich im Spiegel gestanden.“ Ob er Zweifel gehabt habe, diese Entscheidung auch durchsetzen zu können, fragt Hofmeister. Einige Minister seien schließlich dagegen gewesen. Kohl findet diese Frage fast lustig. „Nein“, sagt er selbstzufrieden. „Ich war schließlich der Bundeskanzler.“

Bei all seinen Ausführungen würdigt er den Angeklagten Pfahls keines Blickes. Den blassen, schmächtigen Mann mit den tiefen Augenringen hat er nie leiden können – wurde der doch einst von Franz Josef Strauß nach Bonn entsandt. Kohl hat nur Spott für ihn übrig. „Der hat die Gnadensonne von Franz Josef Strauß genossen – und sich dabei gelegentlich auch mal einen Sonnenbrand geholt.“ Auf das Panzergeschäft habe der „nicht die Spur einer Einflussmöglichkeit“ gehabt.

Selbstsicher agiert der Altkanzler, manchmal scherzt er, manchmal gähnt er, manchmal kann er aber auch die bekannte Arroganz zeigen. Seine Regierung käuflich? Pah! Da wird er ernst. „Ich war nie bestechlich.“ Doch was ist auch anderes zu erwarten von einem, der in seiner eigenen Spendenaffäre einfach immer nur geschwiegen hat? Der einfach alles aussitzen kann, wenn er will? Keine Angst vor niemandem, das ist noch immer Helmut Kohl.

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