Pharmaindustrie
Betriebskassen springen auf Rabattzug auf

Die neue Bundesregierung will sie möglicherweise verbieten, doch die gesetzlichen Krankenkassen setzen weiter auf Rabattverträge mit der Pharmaindustrie. Jetzt haben Betriebskassen in einer konzertierten Aktion Nachlässe ausgehandelt. Deutsche Produzenten kritisieren die Vereinbarung - die Versicherten dagegen profitieren.
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BERLIN. Die gesetzlichen Krankenkassen setzen ungeachtet der Kritik der neuen Bundesregierung weiter auf Rabattverträge mit der Pharmaindustrie, um ihre Arzneimittelausgaben zu senken. Jetzt haben erstmals 78 mittelständische Betriebskrankenkassen, die BIG Direkt und der Spitzenverband der landwirtschaftlichen Krankenkassen in einer konzertierten Aktion Preisnachlässe für 52 Wirkstoffe mit einem Umsatzvolumen von 340 Millionen Euro erfolgreich europaweit ausgeschrieben.

37 Unternehmen erhielten für einen oder mehrere Wirkstoffe den Zuschlag, weil sie unter anderem bereit waren, den Marktpreis der drei preiswertesten Generika in der jeweiligen Wirkstoffklasse um mindestens zehn Prozent zu unterbieten.

Die jährlichen Einsparungen bezifferte der Geschäftsführer von "Spektrum K", Ingo Werner, auf 38 Millionen Euro im Jahr. Das aus dem alten Betriebskrankenkassenverband hervorgegangene Dienstleistungsunternehmen hatte die Ausschreibung für die 79 Kassen koordiniert, da die Kassen einzeln weder über das erforderliche Personal noch über genügend Marktmacht verfügen, um Rabattverträge abzuschließen.

Pro verordnetem Medikament liegt die Ersparnis für die Kassen bei 5,20 Euro. Die Versicherten profitieren doppelt: Sie werden für die rabattierten Medikamente von der Zuzahlung befreit. Außerdem wurde die Ausschreibung so angelegt, dass die Versicherten bei jedem der Wirkstoffe zwischen vier Medikamenten wählen können. Damit, so Werner, sei auch der Vorwurf entkräftet, durch Rabattverträge werde über Gebühr in die Therapiefreiheit der Ärzte eingegriffen.

Deutsche Produzenten verdrängt

Der Eingriff in die Therapiefreiheit ist einer der Gründe, warum die neue schwarz-gelbe Regierung Rabattverträge erschweren oder vielleicht sogar ganz abschaffen will. Das geltende Recht will Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) jedoch erst im nächsten Jahr ändern. Dies hilft den Ortskrankenkassen. Sie wollen bis zum April nächsten Jahres neue Rabattverträge für 87 Wirkstoffe mit einem Umsatzvolumen von 1,4 Milliarden Euro unter Dach und Fach bringen.

In der Industrie stießen die neuen Rabattverträge auf heftige Kritik. "Es zeigt sich einmal mehr, dass heimische Hersteller durch die Rabattpolitik der Kassen in einen ruinösen Wettbewerb gezwungen werden", sagte Pro-Generika-Chef Peter Schmidt dem Handelsblatt. So habe mit Heunet Pharma ein Unternehmen die meisten Zuschläge, nämlich 43, erzielt, das seine Produkte am Billigstandort Indien fertigen lasse. Dies treffe in großen Teilen auch für andere bei der Ausschreibung erfolgreiche Firmen zu.

So sind auch die Firmen Basics und Beta-Pharm Töchter indischer Unternehmen. Heunet und das mit drei Zuschlägen bedachte Unternehmen Aurobindo Pharma sind erst in diesem Sommer durch indische Mutterunternehmen gegründet worden. Der Branchenservice Apotheke Ad Hoc wittert dahinter eine Strategie indischer Unternehmen, über Rabattverträge stärker im deutschen Generikamarkt Fuß zu fassen.

Kommentare zu " Pharmaindustrie: Betriebskassen springen auf Rabattzug auf"

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  • Das ist ein grandioser Erfolg.
    Zwar macht die Pharmaindustrie meist große Kasse, aber wenn das so weitergeht, sparen die Kassen viel Geld, dass sie aus der anderen Tasche wieder ausgeben, wenn die Arbeitsplätze auf diese Weise nach indien wandern.

    Wir beschweren uns über Preise und Kosten, sind aber nicht bereit, durch ein wenig Verzicht unseren Wohlstand zu verteidigen.

    Die Kassen würden das Zehnfache sparen, wenn angebrauchte Medikamentenpackungen vom Arzt, wenn durch den Patienten wegen Unverträglichkeit zurückgegeben, diese anderen Patienten verabreicht werden drüften. Auch könnten Großpackungen mit blistern auf verschiedene Patienten aufgeteilt werden.

    Das geht doch bei der Schweinegrippe auch. Da werden 10 Patienten von einer Packung bedient, warum darf das mit Tabletten in blisterpackungen nicht ebenfalls gemacht werden. Da liegt der Hase im Pfeffer, Milliarden auf dem Müll!!!!

    Wenn die Politik das durchsetzen würde, könnten Milliarden gespart werden. Es gibt doch Untersuchungen, dass angeblich 25% der Medikamente gar nicht eingenommen, sondern verordnet, bezahlt und vernichtet werden.

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