Philipp Rösler
Jungstar im Bundeskabinett

36 Jahre, vietnamesische Abstammung, Zauberer – der designierte Gesundheitsminister Philipp Rösler ist die Antwort der FDP auf den CSU-Star zu Guttenberg. Ein Ja-Sager ist Rösler nicht, hat auch schon Parteichef Westerwelle erfahren. Für die neue Aufgabe ist das eine wichtige Qualifikation.
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BERLIN. Eigentlich war Philipp Rösler gerade dabei, in Hannover seinen Umzug zu organisieren. Nun muss der 36-jährige Vater zweier Kinder überlegen, ob seine Familie nicht gleich ihr neues Domizil in Berlin aufschlagen soll. Denn zu den kleinen Sensationen der Koalitionsverhandlungen in Berlin gehört, dass der niedersächsische Wirtschaftsminister Rösler neuer Bundesgesundheitsminister werden soll – ein Posten mit hohem politischen Sprengstoff.

Die FDP hat sich damit einen eigenen Jungstar ins künftige schwarz-gelbe Bundeskabinett geholt – und eine überraschende Antwort auf den CSU-Shootingstar Karl-Theodor zu Guttenberg gefunden. Denn bisher war der 38-Jährige der unumstrittene Liebling und Youngster in der Mannschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen. Nun bekommt er ernsthafte Konkurrenz, nämlich ein Kabinettsmitglied mit einer ebenso attraktiven Lebensgeschichte. Auf der einen Seite der Adelige mit makellosen Umgangsformen – auf der anderen Seite der Arzt vietnamesischer Abstammung, der eine noch steilere Karriere hinlegt hat.

Rösler hat das, was Filmemacher eine „Story“ nennen würden. Als Baby wurde er in Vietnam von seinen künftigen deutschen Eltern adoptiert, die sich trennten, als er vier Jahre alt war. Er ist katholisch, galt in der Schule als hochbegabt, folgte seinem Vater später zur Bundeswehr und wurde dort ausgebildeter Arzt. Verheiratet ist er mit einer Ärztin, 2008 wurde der passionierte Bauchredner und Zauberer Vater von Zwillingen.

Aber noch wichtiger ist: Rösler hat den „Shooting-Nimbus“. Erst im Februar Wirtschaftsminister im zweitgrößten Flächenland Deutschlands geworden, als er das liberale Urgestein Walter Hirche abgelöst hatte. Und schon zuvor hatte Rösler einen rasanten politischen Aufstieg absolviert. Im Jahr 2003 zog der Sanitätsoffizier als niedersächsischer FDP-Generalsekretär erstmals in den Landtag ein und wurde auf Anhieb zum jüngsten FDP-Fraktionschef aller Zeiten auf Landesebene gewählt. Zusammen mit dem nur drei Jahre älteren CDU-Fraktionschef David McAllister bildete Rösler das „Youngster-Team“ der ersten schwarz-gelben Regierung von Christian Wulff und brachte Farbe in die sonst eher tröge niedersächsische Landespolitik. Rösler und McAllister spotten gerne, dass sie aus „Migrantenfamilien“ kommen – und nun wird er das erste „Migrantenkind“ im Bundeskabinett.

Und Rösler ist seinen Weg durchaus mit einem eigenen Kopf gegangen. Jetzt hat er zwar „Ja“ zu dem neuen Posten in Berlin gesagt. Aber FDP-Chef Guido Westerwelle weiß bereits, dass Rösler auch „Nein“ sagen kann. Im Jahr 2005 etwa hatte Westerwelle ihn für den Posten des FDP-Generalsekretärs im Auge - doch Rösler lehnte dankend ab und wollte sich lieber auf seine Karriere in Niedersachsen konzentrieren. Das wurde belohnt: 2006 wurde er dort FDP-Landesvorsitzender, auf Bundesebene rückte Rösler ins FDP-Präsidium ein, war von Anfang an an den Koalitionsgesprächen in Berlin beteiligt.

In der Partei ist der quirlige Politiker auch wegen seines rhetorischen Geschicks beliebt – beim Bundesparteitag in Hannover wurde er vor wenigen Monaten minutenlang gefeiert. Und Rösler als kommender Mann hinter Westerwelle hat mehrfach signalisiert, dass er auch konzeptionell über die Zukunft der FDP nachdenkt. Im April legte er etwa mit dem NRW-Generalsekretär Christian Lindner ein Buch mit dem Titel „Freiheit gefühlt, gedacht, gelebt“ vor. Inhaltlich plädiert er dafür, dass die FDP stärker auf „Werte“ setzt, auch sozialpolitische Themen nicht scheut und in den Großstädten endlich wieder jene bürgerliche Klientel umwirbt, die die Liberalen zum Teil an die Grünen verloren hatten. In der FDP wird heute eingeräumt, dass er damit jene Aufbruchstimmung mit gefördert hat, die zu dem Rekordergebnis bei den Bundestagswahlen geführt hat.

Dass Rösler nun so schnell in den Orbit der Bundespolitik geschossen wird, passt – abgesehen von der Wohnung in Hannover - übrigens gut zu seinem Lebenskonzept. Denn für die eigene politische Karriere hat er nur wenig Zeit. Mehrfach hatte der frühere Vorsitzende der Jungen Liberalen angekündigt, er wolle mit 45 wieder aus der Politik aussteigen – unter anderem, weil sie Menschen zwangsläufig misstrauisch mache. Misstrauen wird er allerdings im Haifischteich der Gesundheitspolitik zunächst auch brauchen.

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