Piratenpartei
„Die Bürger sind systemrelevant“

Die Piratenpartei gibt den Wählern das Gefühl, ernst genommen und verstanden zu werden. Die Protestkultur, die einst die Grünen prägte, hat nun ein neues Forum gefunden.
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Berlin, StockholmAm Tag eins nach dem glorreichen Einzug seiner Partei in den Landtag des Saarlandes twittert Piraten-Chef Sebastian Nerz: "Andrea Nahles hat also das Ziel, die Piratenpartei aus dem Bundestag fernzuhalten. Wie schade für sie ;)." Denn für Nerz ist klar: Nach dem Abgeordnetenhaus in Berlin und dem Parlament in Saarbrücken werden die Piraten ihren Siegeszug fortsetzen und im Mai auch die Landtage in Kiel und Düsseldorf entern. Und 2013 dann auch den Bundestag. In Umfragen liegt die Partei derzeit je nach Institut bei fünf bis sieben Prozent.

Ihren Erfolg verdanken die Newcomer dabei nicht zuletzt einem Umstand, der in den 1980er-Jahren auch die Grünen groß gemacht hat: der Unzufriedenheit der Wähler mit der Politik der seit Jahren oder gar Jahrzehnten etablierten Parteien. "Die Piraten bedienen die Hoffnung Verärgerter und Enttäuschter, die sie aus Protest wählen", sagt der Parteienforscher Gero Neugebauer von der FU Berlin.

Aleks Lessmann hat aus Enttäuschung sogar die Partei gewechselt. Der 44-jährige "freiberufliche Manager", der sich selbst als "Demokrat, Tierfreund und Musik-Allesfresser" bezeichnet, verließ die Grünen, als diese für Hartz IV stimmten, und ist bei den Piraten heute Geschäftsführer des mitgliederstärksten Landesverbandes Bayern. "Rechts oder links sind keine Kategorien mehr für das 21. Jahrhundert", erklärt er die Abwendung vieler Wähler von den etablierten Parteien. So warben die Piraten im Saarland 4 000 ehemalige CDU-Wähler und 3 000 Anhänger der SPD ab. Vor allem bei jungen Wählern zählen inzwischen aber offenbar auch die Grünen zum Establishment: So haben an der Saar nur noch sieben Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Öko-Partei gewählt. Stattdessen hat fast jeder Zweite aus dieser Altersgruppe sein Kreuz bei den Piraten gemacht.

Parteienforscher Neugebauer warnt allerdings davor, den Erfolg der Piraten als Jugendphänomen abzutun: "Die Wählerschaft reicht bis hin zu 50 Jahre, erst darüber bröckelt es ab", sagt er. Das liegt auch daran, dass in der Partei nicht mehr nur jugendliche Internetfreaks den Ton angeben: Als einer von vier Spitzenkandidaten soll etwa der promovierte Biophysiker Joachim Paul die Piraten im Mai in den nordrhein-westfälischen Landtag führen - und der ist schon 54 Jahre alt. Mit wenigen Worten schafft Paul, der als Medienpädagoge im öffentlichen Dienst unter anderem Lehrer im Umgang mit Online-Medien schult, die Wähler für sich einzunehmen. Nicht die Banken, die die Politik mit Milliardensummen vor dem Untergang rettete, seien systemrelevant: "Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind systemrelevant."

Kommentare zu " Piratenpartei: „Die Bürger sind systemrelevant“"

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  • "In Umfragen liegt die Partei derzeit je nach Institut bei fünf bis sieben Prozent."

    Hatte der Minnesänger eine sehr lange Reise hinter sich?

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