Piratenpartei in schwerer Krise
„Sie haben sich das Gesicht vom Schädel gekratzt“

Die Piratenpartei sucht am Wochenende in Halle einen Weg aus dem Dauertief. Einer ihrer Hoffnungsträger glaubt nicht an eine Rettung. Schonungslos legt er unhaltbare Zustände in seiner Partei offen.
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BerlinSieben Jahre Parteiarbeit haben bei Carmelito Bauer offenbar ihr Spuren hinterlassen. Die Nachwuchshoffnung der Piratenpartei hat die Segel gestrichen. Bauer hat seine Kandidatur zum Politischen Geschäftsführer zurückgezogen. Über einen Parteiaustritt hat er noch nicht entschieden. In seinem Blog begründet er seinen Rückzieher. Es ist eine heftige Generalabrechnung mit einer Partei, der er, wie er selbst sagt, viel zu verdanken hat. Nun aber ist für ihn erst einmal Schluss.

Die Partei muss sich neu sortieren. Das ist auch nötig, nachdem sich wegen enttäuschender Wahlergebnisse und interner Dauerstreits die Führung der Piraten komplett zurückgezogen hat. Vom derzeit amtierenden kommissarischen Vorstand wird auf dem Wahlparteitag am Wochenende in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt)  niemand mehr antreten. Der Konvent ist nötig, weil vor mehr als drei Monaten drei Vorstandsmitgliedern zurückgetreten waren.

Liest man sich den Beitrag von Bauer durch, bekommt man eine gute Vorstellung davon, wie es im Innenleben der Piratenpartei zugeht. Dass es nicht einfach ist, sich gefahrlos auf die eigentlichen Anliegen der Partei zu konzentrieren und sie politisch nach außen zu vertreten, sondern dass man stets und ständig damit rechnen muss, mit den schärfsten Waffen niedergemacht zu werden.

Bauer zitiert den früheren Bundesvorsitzenden Sebastian Nerz, der vor drei Jahren schon treffend analysiert habe, dass sich die Piratenpartei nur streite. „Im Jahr 2014 wurde dieses Konzept bis zum Orgasmus fortgetrieben“, schreibt Bauer, der mit 13 Jahren zu den Polit-Freibeutern stieß, mit 15 Jahren die Jungen Piraten gründete und schließlich deren erster Bundesvorsitzender wurde.

Bauer bittet um Verständnis, dass er das Hauen und Stechen zwischen den Piraten nur anhand von „Sadomaso-Metaphern“ erklären könne. „Die Menschen“, schildert er die Situation, „haben sich das Gesicht vom Schädel runtergekratzt und sie fanden es geil“. Auf Twitter seien sie in Latex aufeinander zugerannt. „Allerdings nicht mit Peitschen, sondern mit Beilen und Kerosin“, erzählt er. „Es wurde Hass verbreitet, und diese Form des Hasses hat die Menschen offensichtlich erregt, denn niemand war zu irgendeinem Zeitpunkt bereit, zu reflektieren.“ Man habe schlicht weitergemacht. „Ein Swinger-Club ohne Einlasskontrolle.“

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