Pisa-Aufholjagd
Lehrermangel gefährdet Schulreform

In Deutschland sind Lehrer für Mathe und Naturwissenschaften, neuerdings sogar Lehrer für Sprachen, Mangelware. Mancher Kultusminister stopft die Lücke mit Quereinsteigern ohne Pädagogikwissen. Von den Unis kommt nicht genug Nachwuchs. Nun gefährden Lehrermangel und Stundenausfall sogar die Reform der deutschen Schulen.

BERLIN. Vor allem Männer schrecken zunehmend vor einer Pädagogenkarriere zurück. Zum Beispiel in Bayern fallen bis zu neun Prozent des Unterrichts aus, in Gymnasien sind es sogar flächendeckend vier Prozent, sagt der Vorsitzende des Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger. Doch das Problem ist größer: „Ich schätze, dass bundesweit rund zehn Prozent der Stunden nicht lehrplangemäß unterrichtet werden.“ „Wenn wir das Problem nicht schnell lösen, ohne die Qualität zu senken, ist der negative Effekt größer als die positiven Wirkungen der Pisa-Reformen.“ GEW-Chef Ulrich Thöne warnt: „So schaffen wir die Pisa-Aufholjagd nie.“

Beim internationalen Pisa-Schülertest waren die deutschen Schüler nur im Mittelfeld gelandet. Das liegt auch daran, dass sie wenig unterrichtet werden, meinen Experten. Während englische oder französische Kinder bis zum Abi mehr als 11 000 Stunden haben, französische gar 12 000, sind es in Deutschland nur 10 000. Umso schlimmer wirkt sich der Lehrermangel aus. Verschont sind davon wegen desGeburtenrückgangs nur die Ost-Länder.

Dramatisch ist die Situation in Berlin. „So schlimm war es noch nie“, klagt Elke Hübner, Rektorin einer Schöneberger Grundschule. „Aktuell fehlen mir Lehrer für fast 30 Prozent der Stunden.“ Die Folge: „Alle Fördermaßnahmen fallen weg“, also etwa geteilte Klassen oder spezielle Betreuung Einzelner. Bis 13 Uhr ist die Betreuung der 400 Schüler garantiert, „alle 7. Stunden fallen weg“.

Nach GEW-Angaben hat jede dritte Schule der Hauptstadt weniger Lehrer, als ihr zustehen. Insgesamt seien 250 Lehrer zusätzlich nötig – sofort. Als Notmaßnahme hatte das Land letzte Woche 400 potenzielle Lehrkräfte zum Casting geladen – nur 80 kamen. Die Stellen werden aber nur befristet bis zum Sommer vergeben.

In Nordrhein-Westfalen hat die neue Regierung den offiziellen Stundenausfall nach eigenen Angaben halbiert – jetzt beträgt er im Schnitt „nur noch“ zweieinhalb Prozent, in Gymnasien sind es gut vier. Doch auch an Rhein und Ruhr greift „eigenverantwortlicher Unterricht“ um sich: „Schüler lösen Aufgaben, ohne dass ein Lehrer dabei ist“, sagt SPD-Fraktionsvize Ute Schäfer. Baden-Württemberg fehlen vor allem Berufsschullehrer. Hier liegt das „strukturelle Defizit“, also ohne Krankheit oder Weiterbildung gerechnet, bei über vier Prozent.

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