Politikwissenschaft
Glaube an die Wirkung der Wahlen schwindet

Je ärmer ein Stadtteil, desto geringer die Wahlbeteiligung. Ein echtes Problem, warnen Politikwissenschaftler. Denn die soziale Verzerrung gefährdet den Grundsatz demokratischer Gleichheit. Warum immer weniger Menschen zur Wahl gehen - und damit einen gesellschaftlichen Grundkonsens in Frage stellen.

DÜSSELDORF. Die Bestürzung ist meist schnell vergessen: An Minusrekorde der Wahlbeteiligung wie bei den vergangenen Kommunal- und Landtagswahlen hat sich der politische Betrieb offenbar längst gewöhnt.

Armin Schäfer, Politikwissenschaftler am Max-Planck für Gesellschaftsforschung-Institut in Köln will sich daran nicht gewöhnen. "Diese Entwicklung schadet der Demokratie, weil die Wahlabstinenz sozial ungleich verteilt ist." Gebildete und Wohlhabende wählen nämlich eher als nicht Wohlhabende und Ungebildete. In Gefahr sei daher nicht nur die Legitimationskraft der Wahlen, sondern auch das Versprechen der Demokratie auf politische Gleichheit der sozial Ungleichen. "Denn eine niedrige Wahlbeteiligung ist immer eine sozial ungleiche Wahlbeteiligung", sagt Schäfer.

Er verglich in 86 Kölner Stadtteilen die Arbeitslosenquote und die Wahlbeteiligung bei den Bundes- und Landtagswahlen 2005 - und konnte stets eine Korrelation von hoher Arbeitslosenquote und niedriger Wahlbeteiligung feststellen. Auch andere sozialwissenschaftliche Studien aus westlichen Ländern belegen einen engen Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen oder Erwerbstätigkeit und der Wahlwahrscheinlichkeit. Bei der Bundestagswahl 2005 unterschied sich die Wahlbeteiligung um bis zu 40 Prozentpunkte zwischen Kölns armen und reichen Stadtteilen. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich in anderen deutschen Großstädten. Die sozial Schwachen haben offenbar weithin den Glauben verloren, dass demokratische Teilhabe ihr Los positiv beeinflussen kann.

Der bekennende Nichtwähler und "Spiegel"-Autor Gabor Steingart ("Die Machtfrage. Ansichten eines Nichtwählers") ist also soziologisch betrachtet kein typischer Vertreter der Wahlabstinenz. Aber ebenso wie Steingart sein Nichtwählen als politischen Akt bewusst "wählt", so vermutet Schäfer auch bei vielen anderen Nichtwählern weniger reines Desinteresse an der Politik als Grund der Wahlabstinenz. Es fehle schlicht das passende Angebot.

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