Politische Achse Berlin-Peking
Die Chinesen und der „Haxen-Index“

Das deutsch-chinesische Verhältnis ist stark auf wirtschaftliche Interessen gebaut. Überall in Peking bauen deutsche Architekten, fahren VW, BMW oder Audi auf den Straßen. Doch als wirkliches politisches Stimmungsbarometer gilt etwas ganz anderes: der "Haxen-Index".

PEKING. Im "Paulaner" ist mal wieder Hochbetrieb. Fast alle Plätze sind besetzt, aus den Lautsprechern dröhnt bayerische Blasmusik, und die Bedienungen im Trachtenkleid schleppen Maßkrüge heran. Deutsche Gemütlichkeit - mitten in Peking. Über die Jahre ist in Chinas Hauptstadt das "Paulaner" zu einer Art Stimmungsbarometer für die politische Achse Berlin-Peking geworden. Und geht es nach dem "Haxen-Index" steht es momentan bestens um das Verhältnis der beiden Länder. Fanden früher nur Touristen zu Nürnberger, Sauerkraut und Kartoffelsalat, ist das Brauhaus heute bei Chinas neuem Mittelstand gefragt.

"Schröder, hen hao!", heißt es immer wieder zwischen einem Schluck Starkbier und deftigen Happen, was so viel bedeutet wie, dass man des Kanzlers China-Politik rundum "sehr gut" findet. Dieses Urteil höre man überall, bestätigt auch Professor Liu Liqun von der Chinese Academy of Social Sciences: "Sowohl wirtschaftlich als auch politisch sind die Beziehungen wirklich bestens."

So reiste Bundeskanzler Gerhard Schröder wie schon Vorgänger Helmut Kohl stets mit großer Wirtschaftsdelegation gen China. Schröder habe im Wesentlichen die Annäherung Kohls fortgesetzt, urteilt Professor Liu. China hoffe sehr, dass dies unter einer neuen deutschen Regierung so bleibe. Allerdings hat sich in jüngster Zeit die Chemie doch verändert. Durch den WTO-Beitritt öffnet China seine Märkte immer mehr, drängt neue ausländische Konkurrenz ins Land. Für viele deutsche Konzerne lohnt es sich momentan nicht mehr wirklich, in China zu produzieren - selbst China-Pionier VW hat zu kämpfen. Und auch die politische Freundschaft ist nicht mehr so lupenrein. Peking trumpft zunehmend politisch auf - zuletzt offen gegen Deutschland bei der Erweiterung des Uno-Sicherheitsrats.

In China nimmt man alte Freundschaften sehr ernst

"Das Land reflektiert seine wirtschaftliche Stärke nun zunehmend auch politisch", sagt ein politischer Beobachter in Peking. Die Beziehungen mit dem Ausland seien durch Chinas rasanten Umbruch geprägt, weniger durch die Politiker in Washington, Tokio oder Berlin. Nachdem China im asiatisch-pazifischen Raum eine starke Position eingenommen hat und sich der rasche Wandel fortsetzt, wird für die künftige deutsche Außenpolitik die Schlüsselfrage sein, wie man sich auf dieses neue Kraftfeld in Asien einstellt. Vor allem Deutschland steht vor einem Spagat - zwischen einer Annäherung an die USA und chinesischen Interessen.

Nicht leichter dürfte es da werden, den Rechtsstaatsdialog fortzusetzen. Unter Schröder hat die Regierung versucht, heikle Themen wie Demokratisierung und Menschenrechte eher leise voranzubringen. Die Menschenrechte würden wohl weiter ein "Reibungsfaktor" bleiben, heißt es im Auswärtigen Amt. Dass die Deutschen in China gleichwohl so ein hohes Ansehen genießen, hängt auch damit zusammen, dass "keine Regierung in Europa so früh die Bedeutung Chinas erkannt" hat, sagt Professor Liu. Für ihn ist das Verhältnis ein ganz besonderes: "In China nimmt man alte Freundschaften sehr ernst."

Dennoch wird die Berliner Wahlnacht im "Paulaner" in Peking keine Aufmerksamkeit finden. Hier läuft meist Fußball oder Boxen. Sorgfältig geplant wird dagegen ein wirklich wichtiges deutsch-chinesisches Gipfeltreffen: das Oktoberfest. Es startet am 8. Oktober. Live dabei sind die "Alpenvagabunden".

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