Politische Zukunft
Seehofers einsamer Kampf

Nein, wer hier von Tumulten rede, der habe wohl so recht noch keine erlebt, sagt Horst Seehofer und schiebt sich an den wartenden Kameraleuten vorbei in das Innere der NRW-Landesvertretung in Berlin. Bayerns Regierungschef sei angeschlagen, berichten die Zeitungen, erste Lokalpolitiker fordern bereits die Ablösung des Ministerpräsidenten.

BERLIN. Ein unerhörter Vorgang in einer Partei, die seit Franz Josef Strauß' Zeiten als Kampfformation auftritt, und in der die Messer öffentlich erst dann gezückt werden, wenn das Opfer längst wehrlos am Boden liegt.

Politisch gesehen ist Seehofer, eben von einer Grippe genesen, noch weit davon entfernt, wehrlos zu sein. Trotzdem kämpft er auch um seine eigene Zukunft, wenn er sich jetzt in Berlin zu den Koalitionsgesprächen durchdrängt. Weil das Ergebnis der CSU bei der Bundestagswahl miserabel ausgefallen ist, kommt es für die Bayern mehr als für alle anderen darauf an, ihre Positionen im Koalitionsvertrag wiederzufinden. Der 1,92-Meter-Mann Seehofer kämpft gegen die Schrumpfung seiner Partei in der Hauptstadt.

Natürlich findet noch keine Debatter um Seehofers Nachfolge statt, wenn auch nur aus einem Grund: Es gibt noch keinen Nachfolger. Karl-Theodor zu Guttenberg ist als Wirtschaftsminister beliebt, für den Job des Ministerpräsidenten in München aber drei Jahre zu jung - so schreibt es die bayerische Verfassung vor. CSU-Parteichef, ja, das ginge, aber nichts deutet derzeit darauf hin, dass zu Guttenberg Seehofer auf diesem Feld ernsthaft herausfordern will - und könnte. Andere Alternativen, die auch nur annähernd das Gewicht eines angeschlagenen Parteichefs auf die Berliner Bühne bringen, hat die CSU nicht, auch wenn sich jeder der 92 Landtagsabgeordneten in München im Zweifel mindestens für ministrabel hält.

"Messias im Mittelmaß", spotten sie trotzdem längst über den Mann, der sie zu neuen Erfolgen führen sollte. Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos, sicher kein Seehofer-Freund, macht schon eine wachsende Zahl von CSUlern aus, "die an seinen außerirdischen Fähigkeiten zweifeln". Zu denen gehört auch Kurt Taubmann, Zimmermann und CSU-Ortsvorsteher im 1 400-Einwohner-Flecken Wieseth in Mittelfranken. Er hat Seehofer in einem offenen Brief zum Rücktritt aufgefordert. "Die Bundestagswahl war für die CSU ein absolutes Debakel, ein Tiefpunkt in der CSU-Geschichte. Ich möchte Sie an ihr Wort erinnern", schreibt er. Sicher, Taubmann gehört "zu den 5 000 wichtigsten Leuten der CSU", wie einer, der zu den fünf wichtigsten gehört, süffisant sagt. Aber Taubmann spricht vielen aus der Seele. Das Wort, an das der Lokalpolitiker erinnert, ist Seehofers Ansage nach seiner Wahl zum Parteichef. "Jemand, der wie ich in solcher Verantwortung steht, wird zwangsläufig an Ergebnissen gemessen", hatte er mehrfach betont. Besser wollte er es machen als das glanz- und glücklose Duo Huber/Beckstein. Doch mit 42,5 Prozent bei der Bundestagswahl ist es schlechter gekommen.

An dieses Versprechen erinnern sich jetzt auch jene, mit denen Seehofer jüngst besonders rabiat umgegangen ist. Mit Genuss hängt daher Markus Ferber, der Chef der CSU-Europagruppe, den Seehofer einst von seiner Führungsposition verdrängen wollte, die Latte für die Koalitionsverhandlungen in Berlin hoch. Niedrigere Mehrwertsteuer für Gaststätten, Hilfen für die Bauern, Regionalisierung in der Gesundheit: "Das sind die von Herrn Seehofer selbst formulierten Kernpunkte. Hier erwarte ich, dass sie jetzt auch umgesetzt werden", sagt Ferber listig.

Einfach wird das nicht. Während Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und FDP-Chef Guido Westerwelle ein eingespieltes Verhandlungspaar sind, spricht Seehofer zwar viel mit Merkel, aber wenig mit Westerwelle. Wo die CDU-Chefin wegen des lieben Friedens in der Union auf bayerische Sonderwünsche Rücksicht nehmen muss, kann die FDP die Bayern ungerührt anrennen lassen, bei der Gentechnik etwa. Ob die CSU mit künftig nur halb so vielen Abgeordneten wie die FDP drei Minister erhält, ist offen.

"Erst Koalition, dann Wahlanalyse", sagt Seehofer. Sein Kalkül: Mit einem guten Ergebnis aus Berlin lässt sich die Debatte zu Hause leichter überstehen. Doch die hat längst begonnen. Europa, Milchbauern, Gentechnik - Seehofers Themenhopping hat der CSU Glaubwürdigkeit gekostet. Das Thema Verlässlichkeit muss "natürlich auch mit Blick auf den Bundestagswahlkampf aufgearbeitet werden", sagt der alte CSU-Vordenker Alois Glück. Sonst "wird wahrscheinlich der Errosionsprozess weitergehen".

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