Politischer Aschermittwoch
„Yes we can“ – mit Horst und letzter Kraft

Wenn es noch Fragen gab, wie die neuen Machtverhältnisse in der CSU nun wirklich sind, dann sind sie seit diesem Aschermittwoch beantwortet - und zwar in aller Öffentlichkeit, am größten Stammtisch der Welt. Doch obwohl der Parteichef und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer an diesem Tag Stärke demonstrieren will, klappt er vor tausenden Anhängern fast zusammen.

Horst Seehofer greift zur Maß - dabei hatte er noch am Vortag mit Grippe im Bett geruht. "Jetzt erst mal Prost", sagt er und nimmt einen Schluck. Eine Dreiviertel Stunde hat er da schon geredet, über Genmais und Europa, über Bürgernähe, Wirtschaftskrise und Guantanamo. Dann wird er fahrig; nicht mehr kraftvoll, sondern hölzern klingen seine Worte. Horst Seehofer steht auf der Bühne in Passau, beim politischen Aschermittwoch, vor dem größten Stammtisch der Welt. Er will eine selbstbewusste Partei präsentieren - "die CSU ist wieder da", das soll sein Motto sein.

Doch jetzt lehnt er nicht mehr lässig am Pult, sondern hält sich mit beiden Händen fest. Die Luft ist schlecht, da oben. Seehofer spricht nicht mehr frei, sondern liest ab. Aber er steht diese Minuten durch. "Ich dachte schon, mir geht es wie Franz Müntefering", sagt er danach und geht zunächst zu den Sanitätern, trinkt ein paar Schluck Wasser. SPD-Chef Müntefering hatte 2005 bei einer Wahlkampfrede in Homburg einen Schwächeanfall erlitten.

Durchgestanden hat Horst Seehofer seine erste Aschermittwochsrede, durchstehen muss seine Partei dieses Superwahljahr. Die Mannschaft, mit der die CSU ins Rennen geht, steht. Vor der Bühne in Passau sitzt seine Frau Karin, die ihn sonst selten zu öffentlichen Auftritten begleitet. Und da sitzt eine Führungsriege, die mit der aus der Zeit vor dem Wahldesaster im September kaum noch etwas gemein hat. Jetzt wollte Seehofer zeigen, dass damit auch neue Inhalte einhergehen, wollte seine Partei als Reformmotor präsentieren, vor allem aber die emotionale Bindung des Wahlvolks an eine CSU wiederherstellen.

Wie das aussieht, wird schon zu Beginn klar. "Ich verstehe nicht, warum einer Kassiererin wegen 1,30 Euro gekündigt werden kann, wenn Manager, die Milliarden verscherbelt haben, weiter im Amt sind", sagt er. Da blitzt er auf: Seehofer der Herz-Jesu-Sozialist, der Politiker, der das Schimpfwort "Populist" als Auszeichnung versteht, der selbsternannte Anwalt des kleinen Mannes, der sein Nokia-Handy zurückgab als der Elektroriese sein Werk nach Rumänien verlagerte, der Jürgen Rüttgers des Südens.

Zwei ältere Herren in Trachtenjankern halten Plakate hoch "Yes we can - mit Horst" steht darauf, und "Seehofer ist unser Obama". Ein Redetalent - gut, nicht ganz wie der US-Präsident - ist Seehofer schon, doch eine stringente Botschaft zu formulieren, das gelingt ihm an diesem Tag nicht recht. Stattdessen vollführt er ein Themen-Hopping mit abrupten Wechseln: Konjunkturhilfen für die Bauern will er fordern und weitere Steuererleichterungen beim Biodiesel. Europa soll bürgernah werden, mit der Direktwahl von Abgeordneten und Volksentscheiden. "Ich möchte, dass das deutsche Volk darüber entscheiden kann, ob die europäische Familie um die Türkei erweitert wird", sagt Seehofer. In scharfen Worten geißelt er den "Spekulationskapitalismus", fordert "Fleiß statt Raffgier". Reichlich vage bleibt die Ankündigung eines "Bürgerpakts für Deutschland" über die Parteigrenzen hinweg.

Dann kommt der verhängnisvolle Schluck aus dem Maßkrug, kommen die Momente, in denen nicht klar ist, ob Seehofer kippt. Vielleicht geht er deshalb so pfleglich mit Angela Merkel um, als die Rede auf die Kanzlerin kommt. "Was hätten wir Deutschland ersparen können, wenn die Bundeskanzlerin nicht auf das Urteil des Verfassungsgerichts gewartet sondern die Pendlerpauschale sofort wieder eingeführt hätte." Zehn Minuten später, Kost für die Konservativen: "Wer nach Deutschland kommt und kein Deutsch kann, der soll es gefälligst lernen." Und wer dem Papst, dem "Pontifex Bavariae, unterstellt, den Holocaust zu leugnen, dem gelte der Zorn ganz Bayerns.

Wie nebenbei beantwortet Seehofer den gut 4 000 CSU-Pilger an diesem Aschermittwoch die Frage, wie es um die neuen Machtverhältnisse in der CSU wirklich bestellt ist. Eben ist Seehofer mit dem bayerischen Defiliermarsch, Blasmusik in Endlosschleife einmarschiert, jetzt begrüßt er die Prominenz. Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der sich gern als Nummer zwei in der Partei sieht, erntet höflichen Applaus.

Aber als Seehofer dann dem "Senkrechtstarter der Partei" zulächelt, dem jungen Politiker, der "in der größten Krise des Landes bereit war, das schwerste Amt zu übernehmen", - da tobt die Halle. In atemberaubender Geschwindigkeit ist Karl-Theodor zu Guttenberg nicht nur Wirtschaftsminister in Berlin geworden, in atemberaubender Offenheit findet auch der Autoritätstransfer in Passau statt. Angetrieben von einem Vorsitzenden, der zu Guttenberg an wichtigen Stellen seiner Rede einbaut, getragen von der Sympathie der CSU-Fans, die die Pilgerfahrt zum Polit-Spektakel angetreten haben. "Die Kanzlerin hat ihn in den letzten drei Tagen mehr gelobt als mich in 30 Jahren", sagt Seehofer über zu Guttenberg, den neuen zweiten Mann. So beruhigt macht der sich noch vor Redeende auf den Weg - zum Termin mit dem chinesischen Handelsminister.

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