Polizeigewerkschaft
„Deutschland ist auf dem Weg in britische Verhältnisse“

Haben deutsche Chaoten britisches Krawallpotenzial? Der Bundesinnenminister hält das für undenkbar. Die Polizeigewerkschaft widerspricht und warnt vor einer explosiven Mischung, die sich in Deutschland zusammenbraut.
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Düsseldorf/BerlinDer Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, hat der Einschätzung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) energisch widersprochen, wonach Krawalle wie in Großbritannien in Deutschland nicht möglich seien. „In Wahrheit geht Deutschland mit einer falschen Gesellschaftspolitik den Weg in britische Verhältnisse“, sagte Wendt Handelsblatt Online. „Junge Menschen werden mit ihren Zukunftsängsten allein gelassen, Familien und Schulen sind immer häufiger mit Erziehungsaufgaben hoffnungslos überfordert und gleichzeitig sollen sich alle Bereiche des Zusammenlebens nach den Gesetzen des Marktes organisieren.“ Dabei blieben Schwache auf der Strecke und wachse „immenses Gewaltpotential“ heran.

Der CSU-Politiker Friedrich ist dagegen überzeugt, dass es hierzulande einen Konsens darüber gebe, dass Gewalt gegen unbeteiligte Menschen kein Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen ist. Ähnlich äußerte sich der Berliner Innensenator Ehrhart Körting: „Ich sehe nicht, dass wir eine explosive Mischung in der Bundesrepublik Deutschland haben“, sagte der SPD-Politiker Reuters TV.

Der Polizeigewerkschafter Wendt warf Friedrich und Körtung vor, die „explosive Mischung“ aus Hoffnungslosigkeit, Zukunftsangst und wachsender Wut vieler Menschen nicht zu sehen. „Genau diese Realitätsverweigerung deutscher Politik ist das Problem unserer Zeit“, sagte Wendt. Der Staat, der helfend und deeskalierend eingreifen könnte, habe dieser Entwicklung auch deshalb nichts entgegenzusetzen, weil die entsprechenden durch einen drastischen Stellenabbau „systematisch kaputt gespart“ worden seien. „Privat vor Staat, also Marktinteressen vor sozialer Verantwortung sind für weite Teile deutscher Politik die Handlungsmaxime“, kritisierte Wendt.

Als Beispiele für das große Gewaltpotenzial in Deutschland führte Wendt den Fußball und Demonstrationen an. An jedem Wochenende, wenn Fußball gespielt wird und bei nahezu allen Demonstrationen, wenn linke und rechte Extremisten aufeinandertreffen, könne man beobachten, dass von einem Konsens gegen Gewalt keine Rede sein könne. „Und wenn am 1. Mai, bei Gipfeltreffen von Politikern oder anderen Gelegenheiten unsere Kolleginnen und Kollegen im Steinhagel der Chaoten stehen, zeigen sich dieselben Politiker immer wieder überrascht vom Ausmaß der Gewalt, die jetzt nicht erkennen, dass es solche Potentiale gibt“, sagte Wendt.

Der britische Premierminister David Cameron kündigte wegen Ausschreitungen, Brandstiftungen und Plünderungen die Aufrüstung der Polizei an. Die Sicherheitskräfte sollten mit Wasserwerfern und Gummigeschossen ausgerüstet werden. Zuvor hatte sich die Polizei erneut Straßenschlachten mit Jugendlichen in Manchester und Liverpool geliefert.

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Berliner Innensenator kritisiert Panikmache

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  • Was machen Schüler heute so alles?
    http://www.youtube.com/watch?v=gl9hrDM2Ojo
    http://www.youtube.com/watch?v=w0Bh0_1CbsM
    oder was selbst komponiertes:
    http://www.youtube.com/watch?v=vF_rrip0SGI&feature=related
    http://www.youtube.com/user/florianusio#p/u/18/OKHKqyPMLyA

  • * ich glaube, nachdem ich jetzt einige Seiten der Kommentare gelesen habe, dass es höchste Zeit ist, mal an die frische Luft zu gehen.
    Es ist schon erstaunlich und vielleicht auch wieder deutsch, dass auf die Ereignisse in England mit fasst schon hystherischen Gefühlsausbrüchen die Unfähigkeit der Politiker, die Aufrüstung der Polizei und die völlige Unwilligkeit der Kinder, Jugendlichen und Eltern angeprangert werden. Zwar gibt es im Einzelnen alles hier Beschriebene, als Tendenz ist das aber ein Wahn.
    Ich war in den letzen beiden Jahren dreimal in England. Aufgefallen ist mir die permanete Berieselung mit TV schon beim Frühstück. Das Programm ist extrem kurzatmig: Themen werden in 20s abgerissen von Fukoshima bis zur Haussanierung. Frustriert war ich, dass das auch für die BBC gilt, die mal der Inbegriff des korrekten Journalismus war. Nun werden wieder viele sagen, das sei hier auch so, ich sehe aber erhebliche qualitative Unterschiede.
    Weiter sind die gesellschaftlichen Unterschiede deutlich größer. Die teuerste Wohnung wurden gerade für über 140Mil verkauft, dafür müsste ein Normalverdiener rund 6000 Jahre arbeiten. Da bedarf es keinen Hunger um ins Nachdenken zu kommen.
    Margit, es ist völlig krank, wenn du daran glaubst, dass die jungen Leute nicht mehr leistungsbereit sind. Tatsächlich kann ich dir versichern, dass ich gerne diese Schulen und Lehrer gehabt hätte, die meine Kinder haben. Warum machen in unserer Stadt 66% aller Schüler das Abitur? Im meiner Klasse gab es bis zu 43 Schüler, weder Kurse noch Differenzierungen, ein einziges Kind davon spielte Klavier. 13 Uhr wurde die Schule abgeschlossen. Heute sind Elternabende bis 22 Uhr die Regel und die Eltern stellen Anforderungen und bringen ihre Kinder gemeinsam vorwärts. Es gibt in der Stadt (50.000E) drei Schulbigbands, Orchester, Chöre. Die Schüler organisieren sich selber, haben z.B. alleine (!) 6Mon geprobt und beim Skoda-Landesjazzwettbewerb den vierten Platz gegen drei Musikschulen erreicht.

  • Das sage ich auch schon lange.
    Deutschland ist ethisch und moralisch verfault bis in die tiefsten Wurzeln

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