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Porträt: „Dirty Jürgen“ will nicht anständig sein

Einer der Gewinner des grünen Urwahl-Marathons stand schon fest, als die Idee zu diesem gerade ist aufkam: Jürgen Trittin ist längst das Gesicht der Partei

Da geht's lang: Fraktionschef Jürgen Trittin gibt die Richtung vor. Quelle: dpa
Da geht's lang: Fraktionschef Jürgen Trittin gibt die Richtung vor. Quelle: dpa

Alle wollen Jürgen Trittin: die Realos, die Linken, die Parteigründer, die Neumitglieder, Männer, Frauen, alle. Und nicht nur die Grünen. Trittin ist der häufigste Gast in deutschen Talkshows, häufiger zu sehen als TV-Philosoph Richard David Precht. Sogar eine eigene schwule Fan-Gemeinde soll er inzwischen haben.

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Wie auch immer Trittin das angestellt hat: Anbiederung war nicht seine Strategie. Noch immer ist es Glücksache, ob er Leute grüßt, ob er etwas Persönliches über sich erzählt oder sich zu einer freundlichen Bemerkung hinreißen lässt. Beim Urwahlforum in Gelsenkirchen, auf dem die Spitzenkandidaten-Bewerber sich den Fragen der Grünen Jugend stellen („Was denkst du über Leute, die Drogen nehmen?“ – „Warum gibt es auf unseren Parteitagen kein veganes Essen?“), nickt der schwer Erkältete sogar kurzzeitig einmal auf der Bühne weg. Auf die Frage, ob Tiere eine eigene Würde haben, hält er nur kurz eines der für die Kandidaten vorbereiteten Schilder hoch: „Nein!“

Kommentar Urwahl fordert ein großes Opfer

Die Suche nach einem Spitzenduo das Machtgefüge der Partei verschieben – und eine grüne Ikone beschädigen.

Womöglich aber ist es genau das, was die Leute an dem 58-Jährigen mögen. Kein Spindoktor der Welt wird Jürgen Trittin je das Knarzige weghobeln können. Wenn man den gelernten Sozialwissenschaftler fragt, was ihn politisch antreibt, kommt er immer auf Clint Eastwood zu sprechen. In Für eine Handvoll Dollar fragt eine verängstigte Mexikanerin den Revolverhelden, warum er sein Leben für ein paar arme Würstchen aufs Spiel gesetzt hat. Der zischt zwischen den Zähnen hervor: „Ich hasse Ungerechtigkeit!“ Darüber kann „Dirty Jürgen“ sich immer wieder freuen.

Spitzenkandidaten Trittin, Künast und die 13 Zwerge

Die Grünen konnten sich nicht auf die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl einigen.

Sieben Jahre hat er gebraucht, die Partei und die Öffentlichkeit den Charismatiker Joschka Fischer vergessen zu machen. Beim Besuch in Israel Anfang des Jahres hing das Über-Ego des grünen Außenministers allerdings über jedem Auftritt. Fischer war ein paar Monate vor ihm da gewesen, um sein neues Buch vorzustellen, und hatte dabei immer wieder die Säle gefüllt; zu Trittin kamen ein paar Höfliche.

Er machte keine Fehler, vermied es vor allem, über die israelkritischen Deklarationen zu sprechen, die vor Jahren sein Parteifreund Christian Ströbele und 2012 SPD-Chef Sigmar Gabriel von sich gegeben hatten. Für das Emotionale, die Zusicherung an beide Seiten, dass man ihren Schmerz fühle und so weiter, dafür war Fischers Ex-Staatssekretärin Kerstin Müller zuständig. Trittin empfahl den Palästinensern am Ende eines Abendessens, vom gewaltfreien Widerstand in Gorleben zu lernen.

  • 11.11.2012, 16:26 UhrOsterwelle

    Da die Einwegflaschen bereits verpfandet sind, sollte man sich nun überlegen worauf sonst noch, was den Einwegcharakter hat, Pfand erhoben werden dürfte. Denn jede Partei, sei sie noch so grün, braucht auch ein Wahlprogramm, nicht nur Wahlmarionetten. Da hat der ex-Kommunist bestimmt schon ein Paar Ideen parat.

  • 10.11.2012, 17:45 UhrVicario

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • 10.11.2012, 15:54 UhrRumor

    Mariam Lau, Quelle ZEIT-online.
    Na ja, wenn man weiß, dass es der bekannte ZEIT-Redakteur Mattias Naß war, der Jürgen Trittin zu dem diesjährigen Bilderberg-Treffen nach Chantilly,Virginia,USA eingeladen hat, dann ist diese "Hommage" in Richtung Trittin nicht verwunderlich. Peinlich.

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