Porträt von Michael Glos
„Ich wusste nicht einmal, wo das Wirtschaftsministerium überhaupt liegt“

So überraschend, wie Michael Glos den Rücktritt vom Job als Wirtschaftsminister ankündigt, so unerwartet war er in dieses Amt gekommen. Richtig glücklich war der Franke damit eher selten.

HB BERLIN. Dass er im November 2005 in das weitläufige Ministerium unweit des neuen Berliner Hauptbahnhofs einzog, war für ihn selbst eine alles andere als uneingeschränkt schöne Überraschung. Quasi in letzter Minute war er zu Ministerehren gekommen, weil der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber, für den das Amt quasi mundgerecht zurechtgeschnitten war, kurzfristig dann doch zurückgeschreckt war.

"Ich wusste bis dahin nicht einmal, wo das Wirtschaftsministerium überhaupt liegt", amüsierte sich der Franke in den ersten Tagen als Minister. Und auch die Materie, mit der sich abzugeben hatte, lag nicht im Zentrum seiner mehr als 30-jährigen Arbeit im Parlament. Respekt und Einfluss hatte sich der frühere Müllermeister vielmehr als gewiefter Chef der CSU-Landesgruppe, als verbaler Haudrauf im Bundestag, erworben.

Eins mit seinem Regierungsamt wurde der Mann, für den vertraute Gesichter in seiner Umgebung so wichtig sind, nie so richtig. Das fiel von Anfang an umso mehr auf, da sein Vorgänger Wolfgang Clement (SPD) die Klaviatur des Amtes virtuos bedient hatte. So geschliffen, so vermeintlich kompetent, trat Glos nie auf. Dabei bescheinigten Glos der eine oder andere Wirtschaftsführer, dazugelernt zu haben. Er habe durchaus Positives für die Wirtschaft geleistet, sagte kürzlich ein Verbandschef.

Glos wäre nicht Glos, hätte er nicht versucht, eigene Duftmarken zu setzen. Allerdings haperte es oft bei der Durchsetzungsfähigkeit. Eine Genugtuung mag es ihm da gewesen sein, dass er mit seinem für viele Koalitionäre nervigen ständigen Eintreten für schnelle Steuererleichterungen letztlich einen Erfolg erzielen konnte - beim aktuellen Konjunkturpaket II. Bei einem anderen Lieblingsthema des Ministers, dem Werben für längere Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke, vor allem, um den Strompreis nicht noch stärker steigen zu lassen, blieb er oft alleine. Schließlich hatte die Koalition bei ihrer Gründung vereinbart, nicht am Atomausstieg zu rütteln.

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise brachte Glos erneut in die Kritik. Er zeige zu wenig Präsenz, komme nicht vor bei den fieberhaften Rettungsbemühungen, bemängelten viele, auch innerhalb seiner eigenen Partei. Allerdings - sein Ministerium hat nur wenig Gewicht einzubringen. Die Zuständigkeiten sind eher bescheiden, verglichen mit dem Finanzministerium, das erheblich mehr Macht besitzt. Das wurmte den 64-jährigen Glos, ohne dass er es ändern konnte.

Kanzlerin Angela Merkel konnte sich meist auf Glos verlassen. Sie verstand, dass der CSU-Mann auch etwas für das Profil seiner Partei tun musste - quasi einen Kurs der begrenzten Konfrontation fahren musste. Allerdings - in den letzten Monaten war sich der Minister der uneingeschränkten Rückendeckung der Kanzlerin nicht mehr sicher. Zugleich rückte Merkel in der Krise eng an die Seite von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), was den alten Weggefährten schmerzte.

Ein Problem blieb für den Franken die Neigung, Entscheidungen eher herauszuzögern, sich unklar zu positionieren. Eigentlich, so berichten Menschen, die ihn gut kennen, ist Glos ein eher Harmonie suchender Mensch. Das aber ist ein Charakterzug, der in der neuen CSU, die nach dem Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern viel von ihrer Strahlkraft verloren hat, wenig gefragt ist. Der neue CSU-Chef Horst Seehofer sucht vielmehr die Konfrontation, will die CSU-Handschrift überall und gerade auch in Berlin sichtbar machen. Dazu beizutragen, forderte er gerade von Glos. Der aber folgte nur widerstrebend.

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