Positiver Ausreißer
Starke Abwanderung überschattet Sachsen-Anhalts Wirtschaftserfolge

Während die Industriebeschäftigung in Gesamtdeutschland sinkt, legt sie in Sachsen-Anhalt zu. Und auch die Wirtschaft wuchs 2005 um 1,1 Prozent. Allerdings hat das Land die höchste Pro-Kopf-Verschuldung unter den neuen Ländern.

BERLIN. "Sachsen-Anhalt ist der positive Ausreißer im Osten", schwärmt Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) gerne, wenn er über sein Bundesland erzählt. "Unsere größte Stärke ist das Plus in der Industriebeschäftigung", sagt Rehberger. Während sie in Gesamtdeutschland sinke, lege sie in Sachsen-Anhalt zu. Die Zahl der Industrieunternehmen ab 20 Beschäftigten stieg laut Wirtschaftsministerium im vergangenen Jahr um 0,2 Prozent auf 1 378.

Der Ausschnitt aus der Wirtschaftspolitik in Sachsen-Anhalt zeigt allerdings auch, in welch kleinen Schritten es vorangeht und wie mühsam es für die schwarz-gelbe Landesregierung in den vergangenen Jahren war, neue Jobs zu schaffen. Und das in einem Land, das die höchste Pro-Kopf-Verschuldung unter den neuen Ländern hat. Da wird schon als Sieg gefeiert, wenn Ministerpräsident Wolfgang Böhmer die rote Laterne bei der Arbeitslosenquote an Mecklenburg-Vorpommern abgeben kann.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Insgesamt wuchs die Wirtschaft 2005 um 1,1 Prozent. Das war mehr, als die Bundesrepublik vorweisen konnte (plus 0,9 Prozent) und liegt auch über dem Wachstum der anderen ostdeutschen Bundesländer, die im Durchschnitt stagnierten.

Der stärkere Zuwachs ist auch eine Folge der flexiblen Standortpolitik: Investoren erhalten innerhalb von 24 Stunden ein Standortangebot, innerhalb von vier Wochen einen Fördermittelbescheid. Der Erfolg stellt sich langsam ein: Dell will sein Servicezentrum in Halle bauen und damit mehr als tausend Stellen schaffen. DHL hat sich für den Standort in Leipzig/Halle entschieden, damit sind 10 000 neue Arbeitsplätze verbunden. Das Unternehmen Rossmann investiert 50 Millionen Euro in ein Verteilzentrum in Landsberg bei Halle mit ebenfalls mehreren hundert Arbeitsplätzen.

"Für uns spricht die logistisch günstige Lage - nicht nur in Deutschland, auch in Europa", sagt Wirtschaftsminister Rehberger. Mehr als die Hälfte aller ausländischen Industriebetriebe, die sich nach der Wende in Ostdeutschland ansiedelten, hätten Sachsen-Anhalt als Standort gewählt.

Die Erfolge können aber nicht über das Hauptübel hinwegtäuschen: Immer mehr junge und gut ausgebildete Sachsen-Anhaltiner kehren ihrem Bundesland den Rücken und wandern in den Westen ab. Im vergangenen Jahr zogen 52 000 Menschen aus Sachsen-Anhalt weg, aber nur 40 000 Menschen kamen hinzu. Ein Trend mit schwerwiegenden Folgen. Ob leer stehende Immobilien, Schwierigkeiten, zukunftsweisende Pläne für Kindergärten, Schulen und Hochschulen zu entwickeln oder vernünftige Haushalts- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen - die Abwanderung untergräbt alle wirtschaftlichen Anstrengungen der Landesregierung.

Doch Wirtschaftsminister Rehberger sieht selbst da noch etwas Positives. Nach seiner Ansicht zeigt die jüngste Entwicklung, dass sich die Schere zwischen Zu- und Abwanderern in Sachsen-Anhalt zu schließen beginnt. Bei der Vorgängerregierung seien - so seine Rechnung - zwischen den Jahren 2000 bis 2002 noch mehr als 65 000 Menschen im Saldo abgewandert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%