Post von Abgeordneten
Die Illusion der persönlichen Weihnachtskarte

Weihnachtsgrüße aus der Politik muten ziemlich altmodisch an: Abgeordnete verschicken ihre Festtagspost nicht elektronisch und mit Weihnachtsliedern im Anhang, sondern ganz traditionell als Karte. Dabei sind persönliche Anrede und Unterschrift Pflicht, so sieht es der Karten-Knigge vor. Wie persönlich die Grüße wirklich sind, zeigt der Spucketest.
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BERLIN. Die Abgeordneten des Bundestages haben Berlin schon vorige Woche verlassen. Die Früchte ihrer Arbeit aber landen erst jetzt auf den Schreibtischen im Regierungsviertel. Zum Glück handelt es sich dabei nicht um neue Gesetze, sondern um eine bunte Vielzahl von Weihnachtskarten.

Verglichen mit den Unternehmen mutet die Politik hier noch altmodisch – oder besser traditionell – an. Die Weihnachtsgrüße aus der Politik sind frei von Selbstdarstellung oder werblichen Hinweisen. Auch die in vielen Konzernen übliche Versendung von elektronischer Post, die im Anhang Weihnachtslieder oder Knecht-Ruprecht-Comics offenbaren, hat sich in Berlin noch nicht durchgesetzt. Was hier zählt, ist die persönliche Ansprache und das schöne Gefühl, von den Amtsträgern mit den besten Wünschen bedacht worden zu sein.

Wischfeste Unterschrift stört Illusion

Allerdings gilt auch hier eine Art Knigge. Verpönt ist, lediglich eine Karte mit gedrucktem Text und einer Unterschrift zu versenden. Anrede und Name gelten als Mindestvoraussetzung. Ansonsten keimt schnell der Verdacht, Adressat einer Massenproduktion zu sein, womöglich noch unter Zuhilfenahme eines Unterschriftenautomaten.

Zwar ist die Technik weit vorangeschritten, aber mit einem befeuchteten Finger lässt sich prüfen, ob die Unterschrift verschmiert (dann war sie echt) oder ob sie unverändert bleibt – dann wurde sie nur gedruckt. Der bedeutende Absender der „herzlichen Grüße“ hatte die Karte also nie in den Händen und der unbedeutende Empfänger ist um eine Illusion ärmer.

gof

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter

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