Potsdam: Zustand des Opfers leicht verbessert
Gentest erhärtet Verdacht gegen Beschuldigte

Der Tatverdacht gegen die beiden Beschuldigten wegen des Mordversuchs an einem Deutsch-Äthiopier in Potsdam hat sich nach Aussagen der Bundesanwaltschaft erhärtet.

HB BERLIN. Für das am Tatort in Potsdam gefundene DNA-Material komme der Beschuldigte Thomas M. in Betracht, teilte Generalbundesanwalt Kay Nehm am Sonntag in Karlsruhe mit. Die DNA-Spuren seien an Splittern einer Bierflasche festgestellt worden. Der weitere Beschuldigte Björn L. sei zudem wahrscheinlich einer derjenigen, dessen Stimmen auf dem Mitschnitt einer Telefon-Mailbox während des Überfalls zu hören seien. Das Opfer schwebte am Wochenende weiter in Lebensgefahr.

Derweil verschärfte sich die Kritik von SPD und Grünen an Innenminister Wolfgang Schäuble, der einen fremdenfeindlichen Hintergrund als nicht erwiesen bezeichnet hatte. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm warf Generalbundesanwalt Nehm vor, er habe durch die Übernahme der Ermittlungen das Land Brandenburg stigmatisiert.

In der Erklärung Nehms hieß es, die Ermittlungen zum Tathergang dauerten an. Gegen die zwei Beschuldigten hatte ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof am Freitagabend Haftbefehl erlassen. Sie wurden daraufhin in brandenburgischen Gefängnissen inhaftiert. Die Bundesanwaltschaft geht von fremdenfeindlichen Motiven der 29- und 30-jährigen Männer aus. Nach Angaben einer Kliniksprecherin ist der Zustand des am Ostersonntag zusammengeschlagenen 37-jährigen Ingenieurs weiterhin lebensbedrohlich. Allerdings beginne der im künstlichen Koma liegende Deutsche allmählich selbstständig zu atmen.

Einem Bericht der „Bild am Sonntag“ zufolge wurde das stark betrunkene Opfer nach Angaben von Gerichtsmedizinern mit einem einzigen Faustschlag auf den Schädel über dem Auge niedergestreckt. Der Schlag habe den Schädelknochen zertrümmert.

Wegen des hohen Blutalkoholwertes von 2,08 Promille habe sich der 37-jährige Ingenieur nicht mehr abfangen können. Die Untersuchung durch den Gerichtsmediziner habe zudem ergeben, dass das Opfer keine Rippenbrüche oder sonstigen schweren Verletzungen am Oberkörper erlitten habe. Die Beschuldigten bestreiten die Tat bisher. Das Magazin „Focus“ berichtet, Ärzte hätten bei dem Opfer 2,08 Promille festgestellt. Zudem habe der Mann zuvor in einer Diskothek eine Auseinandersetzung mit zwei Personen gehabt.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil forderte rasche klare Worte von Schäuble. „Ich finde es bestürzend, dass der Bundesinnenminister solch aggressiven Rassismus zumindest fahrlässig verharmlost“, sagte er der „Berliner Zeitung“. Es sei besonders schlimm, wenn jemand einfach nur weil er eine andere Hautfarbe habe, fast zu Tode geprügelt werde. Auch Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnte davor, Gewalttaten wie die in Potsdam zu verharmlosen. Schäubles Worte seien nicht hilfreich.

Trotz der durch Telefonmitschnitte während des Überfalls belegten fremdenfeindlichen Beschimpfungen hatte Schäuble gesagt, ein rassistischer Hintergrund sei nicht erwiesen. Auch blonde und blauäugige Menschen würden Opfer von Gewalttaten. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, sagte: „Ein Innenminister darf nicht den Anschein erwecken, er bagatellisiere rechtsextremistische Gewalt.“

Schäuble räumte in der ARD ein, er hätte auch anders formulieren können. Zum Ausdruck habe er bringen wollen: „Wir müssen jede Form von Extremismus, von Gewalttätigkeit, Fremdenhass bekämpfen.“ Auch der brandenburgische Innenminister Schönbohm war kritisiert worden, weil er den rechtsextremen Hintergrund der Tat als nicht erwiesen bezeichnet hatte.

Schönbohm untermauerte derweil in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ seine Kritik am Generalbundesanwalt. Es sei nicht erforderlich gewesen, dass dieser die Ermittlungen an sich gezogen habe. „Er hat aus der Sache ein Politikum gemacht und zu einer Stigmatisierung Brandenburgs beigetragen.“ Nehm entgegnete, der Generalbundesanwalt sei per Gesetz zuständig, wenn ein Tötungsdelikt „bestimmt und geeignet ist, die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen“.

In Halberstadt in Sachsen-Anhalt demonstrierten am Samstag mehr als 4500 Bürger gegen Rechtsextremismus. Zu dem Aktionstag hatte ein Bürger-Bündnis aufgerufen. Die Teilnehmer boten damit einem Aufmarsch von 260 Rechtsextremen Paroli.

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