Praktika
Der feine Unterschied

In seiner Rede vor dem Bundestag prangerte Arbeitsminister Franz Müntefering den Missbrauch von Praktikanten an, die in Unternehmen als unbezahlte Arbeitskräfte Vollzeitarbeit erledigen. Wer allerdings meint, in Münteferings Ministerium herrschten paradiesische Verhältnisse für Praktikanten, muss sich eines besseren belehren lassen.

BERLIN/DÜSSELDORF. Müntefering hatte am Donnerstag vor den Bundestagsabgeordneten erklärt, er sehe „mit großer Sorge, dass eine Art Praktikamethode um sich greift, die nicht toleriert werden kann“: Unternehmen ließen Vollzeitarbeit, die es bei ihnen gebe, von Hospitanten, Volontären und Praktikanten erledigen und zahlten ihnen dafür kein Geld. Müntefering verwies auf den Zusammenschluss von 300 namhaften Unternehmen in Deutschland, die zugesagt hätten, dass sie die Arbeit von Praktikanten „fair handhaben“ wollen.

» Münteferings Rede zum Nachlesen

Wie Münteferings Ministerium selber mit Praktikanten verfährt, lässt sich auf der Internetseite des Hauses nachlesen: In einem » Bewerbungsbogen für Anwärter findet sich die Passage: „Mir ist bekannt, dass für ein Praktikum keine Vergütung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gezahlt wird. Die Krankenversicherung ist von dem Praktikanten zu regeln, das Bundesministerium übernimmt insoweit keine Verpflichtungen.“

Der stellvertretenden Müntefering-Sprecherin Barbara Braun zufolge besteht zwischen Münteferings Rede und dieser Regelung kein Widerspruch: Dem Minister sei es vor dem Bundestag ausschließlich um den heute schon verbotenen Missbrauch von Praktikanten gegangen, die nach dem Berufsbildungsgesetz Anspruch auf eine angemessene Entlohnung haben, weil sie schon einen Abschluss in der Tasche haben und die Arbeit einer regulären Fachkraft verrichten. Solche Stellen würden im Arbeitsministerium aber gar nicht angeboten, sondern nur Praktika für Studenten und Auszubildende, deren Studien- und Ausbildungsordnungen Praktika zwingend vorschreiben.

Solche Praktika müssen weder bezahlt werden, noch sind Sozialversicherungsbeiträge fällig. Vizesprecherin Braun verweist darauf, dass die anderen Ministerien genauso verführen und Auszubildenden mit vorgeschriebenen Praktika kein Entgelt zahlen. Geradezu erfrischend offen geht mit dieser Vorschrift das Auswärtige Amt um, in dessen » FAQ-Liste für Praktikanten sich folgender Hinweis findet: „Bitte klären Sie vor Ihrer Bewerbung, ob Sie über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um die Kosten für u.a. Anreise, Wohn-, und Lebenshaltung während Ihrer Praktikumszeit in Berlin zu tragen.“

Bei dem Zusammenschluss von 300 Unternehmen, den Müntefering in seiner Rede erwähnte, handelt es sich um die Initiative „Fair Company“ des Job- und Wirtschaftsmagazins Karriere, das zur gleichen Verlagsgruppe gehört wie das Handelsblatt. Am Freitag waren es sogar 363 Unternehmen, die sich verpflichtet haben, » fünf Regeln bei der Beschäftigung von Praktikanten einzuhalten. Regel Nummer 5 lautet: Fair Companies zahlen Praktikanten eine adäquate Aufwandsentschädigung. Nach den Worten von Karriere-Redakteurin Dorothee Fricke sind damit aber nicht nur Absolventen gemeint, sondern auch Auszubildende und Studenten, die zumindest bei den Bundesministerien grundsätzlich leer ausgehen. Arbeitsminister Franz Müntefering ist Schirmherr von „Fair Company“.

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