Praktikum in Metallbaufirma
Für EU-Kommissar Verheugen liegt Blaumann bereit

Der Blaumann mit der Aufschrift „Günter Verheugen“ liegt schon bereit: Anfang kommender Woche will der EU-Industriekommissar seinen Geschäftsanzug gegen Werkstattkluft eintauschen und ein zweitägiges Praktikum bei einer Metallbaufirma in Brandenburg absolvieren. Auch das Arbeitsprogramm für ihn steht schon.

HB POTSDAM. Die Metallbau Windeck GmbH, ein mittelständischer Produzent von Gebäudebauteilen aus Stahl und Aluminium in Brandenburg/Havel, will dem Politiker einen umfassenden Eindruck von den Problemen kleiner Unternehmen geben. „Wir wollen ihm zeigen, unter welchen bürokratischen Hemmnissen wir leiden, wenn wir einen Arbeitsplatz schaffen wollen“, sagt Geschäftsführer Klaus Windeck.

Deshalb soll der SPD-Politiker am Montag unter anderem an einer CNC-Fräse arbeiten und dabei in Kontakt mit Mitarbeitern und Auszubildenden kommen. „Herr Verheugen wird morgens ordentlich eingekleidet und dann bei uns eingewiesen wie jeder neue Mitarbeiter“, beschreibt Windeck den Schichtbeginn für den prominenten Zwei-Tages-Praktikanten.

Der erste Werktag führt den studierten Historiker und Politologen in die praktische Arbeit des Handwerkbetriebes mit etwa 100 Beschäftigten. Nach dem Aufenthalt an der Fräse in der Werkhalle geht es hinaus auf eine Baustelle. Die Kollegen seien schon gespannt auf ihren prominenten Kurzzeit-Mitarbeiter, berichtet Windeck. Am Dienstag dann soll Verheugen ein Ausbildungszentrum der örtlichen Handwerkskammer kennen lernen. Auch eine Diskussion mit Handwerksunternehmern steht auf dem Programm.

Er glaube, das bessere Bedingungen für kleine und mittlere Unternehmen von größter Wichtigkeit für das Wirtschaftswachstum und damit für die Schaffung von Arbeitsplätzen sei, begründet der Politiker sein ungewöhnliches Vorhaben. „Ich hoffe, dass ich mit Informationen aus erster Hand darüber zurückkehre, wie Unternehmen die europäische Politik sehen.“

Firmenchef Windeck will bei Verheugen vor allem seine Kritik an der unter der rot-grünen Bundesregierung gelockerten Handwerksordnung und an aus seiner Sicht starren Tarifen für Löhne und Gehälter anbringen. Weil mittlerweile in vielen Gewerken kein Meisterbrief mehr für die Gründung eines Betriebes notwendig sei, sinke die Qualität und damit schwinde ein Wettbewerbsvorteil gegenüber ausländischen Konkurrenten, klagt der Unternehmer. Die hohen Entgelttarife wiederum benachteiligten deutsche Firmen gegenüber Betrieben aus anderen EU-Ländern mit niedrigerem Lohnniveau.

„Wir nähern uns ja immer mehr dem europäischen Wettbewerb an, und da müssen wir auch mit Portugiesen oder Spaniern konkurrieren können, die weniger strenge Tarifregeln haben“, sagt Windeck, der sein 1865 gegründetes Familienunternehmen ohne Verstaatlichung durch die DDR-Zeit steuerte. Dazu komme die ständig wachsende Belastung mit neuen Vorschriften, die ebenfalls Kosten verursachten. Zumindest an diesem Punkt rennt der Firmenchef bei Verheugen offene Türen ein: Allein in Deutschland verursache die Bürokratie pro Jahr 80 Milliarden Euro, schätzte der EU-Kommissar jüngst.

Den Mitarbeitern seiner Kommission hatte Verheugen deshalb im September 2006 das Programm „Unternehmenserfahrung“ verordnet, an dem er nun selbst teilnimmt. Die etwa 350 höheren Beamten der Brüsseler Generaldirektion sollen bis 2009 je eine Woche in einem Unternehmen verbringen, um die Auswirkungen der von ihnen erlassenen Verordnungen in der Praxis zu erleben.

Geht es nach Firmenchef Windeck, soll Verheugen neben den Erfahrungen aber auch einige angenehme Erinnerungen mitnehmen. Den Blaumann etwa kann sich der Politiker nach dem Praxistest einstecken. „Er kann ihn ja später bei der Arbeit im eigenen Garten anziehen“, schlägt der Unternehmer vor.

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