Preisverleihung in Berlin
Deichmann, Luther und die Finanzkrise

Glauben hilft: Bei der Verleihung der "Luther-Rose 2008" an den Schuh-Giganten Heinz-Horst Deichmann in Berlin weiß niemand mehr so recht, was in der Krise noch gilt. Außer dem Geehrten.

BERLIN. In Zeiten der Unordnung kommt der Bundes-Innenminister und schafft erstmal - Ordnung. Die Bögen des Französischen Doms am Gendarmenmarkt spannen sich breit über das kleine Podium, auf dem Wolfgang Schäuble sitzt. Schäuble lächelt, während er den Tisch vor sich mit ein paar Handgriffen von den bereitgestellten Wasserflaschen und Gläsern räumt. Erst als er damit fertig ist, beginnt er zu sprechen.

Schäuble ist eingeladen, eine Festrede zum Thema "Vom Wert der Freiheit" zu halten. Gestern, an Martin Luthers 525. Geburtstag, verlieh die Internationale Martin Luther Stiftung zum ersten Mal die "Luther-Rose". Der Preis soll in Zukunft alljährlich Persönlichkeiten würdigen, die "die reformatorische Tradition von Freiheit und Verantwortung für das Gemeinwohl eingesetzt haben". Mehr als hundert Gäste sind gekommen, unter ihnen auch Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus oder ZDF-Moderator Peter Hahne.

Luthers Jubiläum kommt zur rechten Zeit. Die Marktwirtschaft, der Kapitalismus, all das steht in Frage. Rendite ist in Zeiten des Börsencrashs ein Unwort geworden, Manager müssen um ihre Gehälter bangen. Kritiker, wie der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, sagen: "Ein Kapitalismus ohne ethischen und rechtlichen Ordnungsrahmen ist menschenfeindlich." Und Gier sei eine Sünde.

Bei der Podiumsdiskussion vor Beginn der Preisverleihung wird der Reformator zum Gewährsmann einer richtig verstandenen freien Marktwirtschaft. Die "Souveränität des Einzelnen" habe Luther gefordert, sagt John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland und Mitglied der Stiftung. Transparenz, Pragmatismus und Mut seien seine Tugenden gewesen. Da ist er wieder, der Protestantismus als Wirtschaftsethik.

Vernunft, Mäßigung, Verantwortung, auch diese Wort fallen am Abend häufiger. Und die Frage nach der gegenwärtigen Schuld. Ist es das amerikanische Wirtschaftssystem? Zeige sich nicht gerade jetzt, dass die Soziale Marktwirtschaft besser sei? "Alle sind ein wenig schuld", dämpft der Soziologe Peter Berger. Heinrich Haasis dagegen, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, spricht später überraschend selbstkritisch. Jahre der "falsch verstandenen Deregulierung" lägen hinter uns. "Was als Freiheit gemeint war, endete als Zügellosigkeit." Im Publikum zögerliches Klatschen.

Die Freiheit habe Luther immer verteidigt, sagt Schäuble später in seiner Rede. Aber nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit wozu, sei die entscheidende Frage. Nie gäbe es sie ohne Verantwortung. "Und die eigene Verantwortung kann uns keine Institution abnehmen - auch keine Bankenaufsicht", sagt er. Die Finanzkrise ist selten weit weg an diesem Abend.

Das ist sie erst, als der Preisträger schließlich seine Auszeichnung entgegen nimmt und das Wort erhält. Leise und zurückhaltend legt Heinz-Horst Deichmann, der einst auch Theologie studiert hat, ein Glaubensbekenntnis ab. Er beginnt von einer Reise nach Indien zu erzählen, wegen der Veranstaltung habe er sie um ein paar Tage verschoben. Seit dreißig Jahren fahre er dort hin, um Leprakranken zu helfen. Genau genommen seit 1977, seit Deichmann das private Hilfswerk "Wort & Tat" für Bildungs- und Sozialprojekte gründete. Nicht nur in Indien, auch in Tansania und Moldawien hilft er. In Deutschland unterstützt er Obdachlosenprojekte. Er wolle es weiter tun, solange er es könne, sagt der 82-Jährige.

Deichmann berichtet von dem ersten Betrieb seines Vaters in Essen-Borbeck, von dem Vertrauen in und von seinen Mitarbeitern. "Die Wirtschaft muss den Menschen dienen", sagt er. Und: "Es geht um andere Dinge als das Geld." Was Deichmann sagt, sind einfache Weisheiten. Aber aus dem Munde des dankbar wirkenden Unternehmers erhalten sie eine andere Gültigkeit.

Auf dem Podium steht ein Mann, der, halb in sich gekehrt, um all sein Geld kein Aufheben macht. Nur in seiner Verwendung, eben als Mittel zum guten Zweck, sei es ihm wichtig gewesen. Diese Lebenslehre merkt man Deichmann an: Richtig verstanden hat die Freiheit der Gewinnmaximierung am Ende nur, wer sie als Glücksmaximierung begreift.

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