Presseschau: Bundespräsident ohne Würde

Presseschau
Bundespräsident ohne Würde

Es ist ein neues Kapitel in der Causa Christian Wulff: Der Antrag der Staatsanwaltschaft, die Immunität des Bundespräsidenten aufzuheben, war für viele Kommentatoren deutscher Zeitungen längst überfällig.
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BerlinNach der Ankündigung staatsanwaltschaftlicher Vorermittlungen glauben die meisten deutschen Kommentatoren kaum noch an ein politisches Überleben von Bundespräsident Christian Wulff. Die Staatsanwaltschaft Hannover hatte am Donnerstagabend die Aufhebung der Immunität des Staatsoberhaupts beantragt, um gegen Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsannahme ermitteln zu können. Hintergrund ist eine Reise Wulffs und seiner heutige Frau Bettina 2007 in ein Luxushotel auf Sylt.

„Den Zeitpunkt, sich in Würde aus seinem Amt zu verabschieden, hat Christian Wulff längst verpasst“, schreibt die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens erschüttere die Affäre Wulff „das Ansehen des Staates nach innen und das Renommee Deutschlands nach außen“.

Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ glaubt indes, dass Wulff nicht mehr zum Bundespräsidenten taugt. „Ein Bundespräsident muss, ohne dass jemand kichert, ans Podium treten und zum Beispiel vor einer Gesellschaft warnen können, in der jeder immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt“, schreibt das Blatt.

Dagegen warnt die „Neue Osnabrücker Zeitung“ vor einer Schnellverurteilung. Die Politik wäre aber schlecht beraten, der Aufhebung der Immunität nicht zuzustimmen. „Die Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Wulff ist damit auf der sachdienlichen juristischen Ebene angelangt, endlich“, kommentiert das Blatt.

Die „Stuttgarter Zeitung“ kommt zu dem Fazit, dass Wulff das Opfer notorischer Schwäche ist. Wenn der Bundespräsident „die nötige Größe und Lauterkeit besitzen würde, die ein politisches Amt in führender Funktion erfordern, dann hätte er frühzeitig Konsequenzen gezogen“.

Auch für den Kommentator des Bonner „General-Anzeigers“ ist es schwer vorstellbar, dass Wulff im Amt bleibt. Im Fall staatsanwaltlicher Ermittlungen könne er zwar formal im Berliner Schloss Bellevue bleiben. „Ein Bundespräsident, der darauf wartet, ob gegen ihn Anklage erhoben wird?“, fragt das Blatt.

Nach Meinung der „Thüringer Allgemeinen“ hat Wulff selbst „diese Eskalationsstufe provoziert“. Das Szenario, die Vorermittlungen, sei bislang einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gewesen. „Bis zum jetzigen Zeitpunkt vermochte er es nicht, die Öffentlichkeit und Justizbehörden von seiner Unschuld zu überzeugen. Nicht durch die Stellungnahmen seiner Anwälte. Nicht durch seinen Versuch, die ganze Affäre stoisch auszusitzen.“ Doch genau mit dieser Taktik sei er schlecht beraten gewesen.

Für die „Sächsische Zeitung“ hat der Bundespräsident seine Würde verloren. Dass nun der Staatsanwalt ermitteln will, zeige, dass es „sich bei den Vorwürfen gegen Wulff nicht um eine Medienkampagne handelt“, schreibt das Blatt. Wulff habe sein Amt verloren, „weil in seiner Welt zwischen Freundschaft und Begünstigung nicht mehr zu unterscheiden war“.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Presseschau: Bundespräsident ohne Würde"

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  • Richtig, Wulf sollte die Gelegenheit nutzen und die Korruptionswelle ins Rutschen bringen!

    Wulf ist der kleine Fisch, den die Lobby opfert.
    Die grossen Fische verstecken sich hinter der völlig heruntergekommenden Justiz!!

  • Brot und Spiele!
    An Wulffs stelle würde ich nicht zurücktreten, sondern den Medien und den Menschen den Spiegel ihres Handelns vorhalten. Christian Wulff hat sich nach bisheriger Kenntnislage nichts zu schulden kommen lassen und auch nicht gegen das Gesetz verstoßen. Medien und ein aufgepeitschter Mobb konstruieren einen Fall Wulff mit Vorverurteilung, Skandalisierung, übler Nachrede usw. eben alles was dazu gehört. Dies ist ein weitverbreitetes Phänomen in Deutschland und es gehört aufgearbeitet. Reporter berichten nicht sachlich sondern geben ihre persünliche Meinung wieder. Talkshows und Nachrichten sind politisch gefärbt, unter dem Deckmantel etwas jounalistisch aufarbeiten zu wollen. Sie sind nicht Werkzeug eine Demokratie und verlässliche Informationquelle, sondern manipulieren und skandalisieren wie es einst im Dritten Reich der Fall war. Eine starke Waffe und eine große Verantwortung ! Als Bundespräsident würde ich mich dem Stellen und es schmerzhaft mit den Beteiligten aufarbeiten. Es ist eine gute Chance, daß wir in Deutschland wieder zu einem normalen Leben zurückkehren und uns mit Sachthemen und den eigentlichen Problemen unserer Gesellschaft beschäftigen. Wir sollten von diesem dekadenten Medienkonsum und Politikgebaren, was an die Gladiatorenzeit in Rom erinnert, wegkommen. Brot und Spiele , so alt diese Politikstreategie auch ist, wird heute mehr praktiziert denn jemals zuvor. Moderne Medien machen es möglich und verdienen damit ihr Geld. Man hat den Gladiator Wulff viele Male in die Arena geworfen, den Daumen gesenkt, aber konnte ihn nicht besiegen. Genau jetzt ist es an der Zeit, das er aufbegehrt und das kranke System reformiert.

  • Stimmt, darum verschweigen die Medien auch, dass Herr Wulff nur wegen der Rede zu Lindau geschlachtet werden soll.

    Wahre Helden sind IMMER alleine.


    Darum sind sie ja Helden und nicht Repräsentanten des Pöbels.

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