Presseschau zur Beck-Wahl
„Er wird den störrischen Esel reiten“

Die Wahl des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck zum neuem Vorsitzenden der SPD ist das dominierende Thema auf den Kommentar-Seiten und -rubriken in den Montagsausgaben deutschen Zeitungen. Lesen Sie, was die Blätter vom Ober-Sozialdemokraten aus der Pfalz halten.

Die in Essen erscheinende Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung meint: „Beck empfindet und redet wie die kleinen Leute. Er wird Erfolg haben, wenn er in kritischen Situationen - Helmut Kohl machte es in der CDU vor - die Partei vor Ort gegen das Establishment mobilisiert. Wofür er steht, ist eine gute Frage, die auch nach seiner Antrittsrede unbeantwortet bleibt. Man hörte keinerlei Präferenz für einen Partner (FDP?), keine Festlegung in kniffligen Fragen (Gesundheit) und keine Andeutung eines späteren Anspruchs auf eine Kanzlerkandidatur. Der Mann, der so tut, als würde er bloß unschuldig den Ortsverein entdeckten, bringt eine große Portion Bauernschläue mit. Er wird sich im Sattel halten, er wird den störrischen Esel reiten.“

Auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung verteilt reichlich Vorschusslorbeeren: Becks „Credo ist eine 'vernünftige' Politik; sein Leitbild ist eine Partei, die sich wieder um die Mitglieder und die kleinen Leute kümmert. Er ist ein Meister des Schulterschlusses, bei dem keiner vergessen wird: Weder die Gewerkschaften noch der selbstbewusste Finanzminister noch der Baggerfahrer aus der Nachbarschaft oder der Sozialverband. Beck hat gestern in Berlin keine Berge versetzt. Aber man täuscht sich, wenn man ihn für ein politisches Leichtgewicht hält. Er ist ein solider Pragmatiker mit Machtbewusstsein, der auch auf den Tisch hauen kann. Er glänzt nicht und passt gerade deshalb ganz gut in die Zeit.“

Die Financial Times Deutschland mit Sitz in Hamburg trauert dagegen schon heute dem Vorgänger nach: „Wohin er die SPD steuern will, hat Kurt Beck auf dem Parteitag so wenig gesagt wie in seiner wolkigen Grundsatzrede vor drei Wochen. Er hat der Basis nach dem Mund geredet, lobte Traditionen, repetierte sozialdemokratische Glaubenssätze. Das alles ist nicht falsch. Es ist allerdings zu wenig, um Wählern zu erklären, warum die SPD regieren muss. Die Hinweise darauf, dass nicht alles bleiben kann, wie es ist, versteckte Beck in Allgemeinplätzen und Nebensätzen. Wer das nicht hören wollte, musste nicht die meisten Delegierten wollten nicht. Die energische Mahnung zur Erneuerung blieb Becks Vorgänger Platzeck vorbehalten. Das lässt ahnen, dass sein Verlust eines Tages schwerer wiegen könnte als heute vermutet.“

Der Münchner Merkur sieht dunkle Wolken für die Koalition aufziehen: „Kurt Beck will das Profil seiner Partei als 'linke Volkspartei' schärfen. Wenn der neue SPD-Chef das wörtlich gemeint haben sollte, stehen der großen Koalition in Berlin turbulente Zeiten bevor. Was immer von solcher Parteitags-Folklore den Weg in die operative Politik findet - für jeden kraftvollen Reformansatz der Regierung Merkel halten die Sozialdemokraten damit ein unübersehbares Stopp-Schild in die Höhe. Bei allem Verständnis für die Profilierungsnöte der Sozialdemokraten, denen der rücksichtslose Pragmatismus der Ära Schröder noch traumatisch in den Gliedern steckt: Für Angela Merkel und die Union dürften die neuen Töne nicht gerade verheißungsvoll klingen.“

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