Deutschland
Pressestimmen: "Es ist das System 'Edmund vor!'"

Die Äußerungen von CSU-Chef Edmund Stoiber über Ostdeutsche beherrschen am Freitag die Kommentarspalten deutscher Tageszeitungen. Handelsblatt.com hat eine Auswahl von Kommentaren zusammengestellt.

Die Thüringer Allgemeine aus Erfurt schreibt bedauernd: "Angela Merkel kann einem schon fast leid tun. So sieht er also aus, der Sonder-Wahlkampf Ost der Union. Wer solche Parteifreunde hat wie Stoiber und Schönbohm, der braucht sich um Feinde keine Sorgen zu machen. Mag sein, dass der Bayer mit den Ostdeutschen noch eine Rechnung offen hat. Vor allem ihre Stimmen für Gerhard Schröder verhagelten vor drei Jahren dem CSU-Mann die Kanzlerschaft. Jetzt aber dafür den ganzen Osten in Haft zu nehmen, ist gelinde gesagt dumm und darf einem Profi nicht passieren. Es drängt sich der Verdacht auf, die Herausforderin soll gezielt demontiert werden. Selbst wenn es die Chancen der Union bei der Wahl deutlich schmälert. Oder vielleicht gerade deshalb?"

Zu diesem Schluss kommt eine ganze Reihe von Blättern - darunter die Sächsische Zeitung aus Dresden: "Vieles spricht dafür, dass Stoibers Bemerkungen ganz andere Ursachen haben. Bis heute hat der Bayer nicht verkraftet, dass er bei der Bundestagswahl 2002 als Kanzlerkandidat gegen Gerhard Schröder nur knapp den kürzeren gezogen hat. Der eigentlich Frustrierte ist Stoiber. Und jetzt missgönnt der CSU-Chef - wie andere im christdemokratischen Männerverein auch - Angela Merkel einen möglicherweise überzeugenden Wahlerfolg am 18. September. Im Grunde richtet sich die Attacke deshalb gegen die Kanzlerkandidatin. Stoiber fällt Merkel in den Rücken."

Der Tagesspiegel aus Berlin bietet eine differenziertere Sicht: "Wer zu Verschwörungstheorien neigt, könnte hinter Stoibers Sprüchen einen ganz perfiden Plan vermuten. Wer das Leben besser kennt und die in sich verhakelten Bierzeltsatzungetüme des Edmund S. im Wortlaut liest, wird zu dem Schluss neigen, es handele sich konkret eher um die übliche Großmaulerei. Im Effekt läuft beides aufs Gleiche hinaus. Denn hinter alledem steckt ein System, kühl und logisch. Es ist das System 'Edmund vor!' Dessen Ziel ist simpel: Edmund Stoiber will am Abend des 18. September eine optimale Ausgangsposition haben, und zwar für alle Fälle. Deshalb seine strikte Weigerung, sich für Berlin oder München zu entscheiden, egal, ob das Merkel zwingt, ein Kompetenzteam mit Platzhaltern zusammenzustoppeln. Deshalb die Latte für die CDU auf 45 Prozent hochgehängt, egal, ob Merkel ab jetzt einmal pro Woche gebückt darunter durchkriechen muss."

Die Badischen Neuesten Nachrichten aus Karlsruhe weisen auf diesen Aspekt hin: "Mit seinen unbedachten, ja verachtenden pauschalen Äußerungen über die Menschen in Ostdeutschland spielt Stoiber dem Populisten-Duo Gysi/Lafontaine in die Hände. Das selbst gesteckte Ziel, stärkste Partei im Osten zu werden, kann sich die CDU nach dem verbalen Doppelschlag von Schönbohm und Stoiber abschminken. Mit pauschaler Wählerbeschimpfung erreicht man die Menschen nicht, sondern schreckt sie ab. Ohne genügend Stimmen in den neuen Ländern aber sind die Bundestagswahlen nicht zu gewinnen."

Die in Hamburg erscheinende Financial Times Deutschland moniert ein fehlendes Gegenkonzept in der Union: "Edmund Stoiber hat die Ostdeutschen hart getroffen und die Chancen der Union, in den neuen Ländern stärkste Kraft zu werden, zunichte gemacht. In dieser Situation ist es verheerend für Angela Merkel, dass die übrigen Unionsgranden entweder verreist sind oder abgetaucht. Die Reaktionen aus der Partei, jenseits der rhetorischen Distanzierungen, sprechen Bände. Sie lassen jede planvolle Deeskalationsstrategie vermissen. Ein paar Schwergewichte Roland Koch oder Christian Wulff hätten unverzüglich eine Entlastungsaktion für Merkel starten müssen: Stoiber zurückpfeifen, ohne ihn bloßzustellen, die Reihen schließen. Nichts dergleichen. Die Hoffnung, die Union werde eine verbrauchte Regierung ablösen und es besser machen, zerschlägt sich immer mehr."

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