Private Krankenversicherung
Ein Fall für die Notaufnahme

Privatpatienten waren einmal etwas Besonderes. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurden die Kunden der privaten Krankenversicherer zum Versuchsobjekt der Politik und zum Zahlmeister der Versicherer. Eine Bestandsaufnahme.
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Frankfurt/Düsseldorf/BerlinMike Bödger, Arno Theilmeier und Reinhold Schulte haben sich nie kennengelernt. Dennoch hat das Schicksal sie in eine Gemeinschaft gefügt. Das Schicksal heißt in diesem Fall private Krankenversicherung und zwingt Patient Bödger, Internist Theilmeier und Versicherungschef Schulte in ein gemeinsames Stück, dessen Ausgang ungewiss ist.

Mike Bödger, 41, Job mit Führungsverantwortung, verheiratet, Vater eines vierjährigen Kindes, war ein Wunschkunde, als er beim Anbieter Central im Jahr 2000 einen Antrag auf eine private Krankenversicherung stellte. 285,66 Euro im Monat sollte ihn die kosten. Bödger unterschrieb und freute sich fortan, dass Ärzte immer schnell einen Termin frei hatten, dass das Praxisteam freundlich war, dass er stets die neuesten Behandlungsmethoden bekam.

Die Freude versiegt, wenn Bödger heute auf seine Rechnung schaut. 676,05 Euro - 136,7 Prozent mehr als bei Vertragsabschluss und 80 Euro monatlich mehr, als er in der gesetzlichen Kasse bezahlen würde. Geld, das Arno Theilmeier hilft. Theilmeier, Ende 50, betreibt eine gastroenterologische Praxis in Mönchengladbach. Die ist Teil eines Ärztezentrums und hat sich auf Magen-Darm-Spiegelungen und Leberpunktionen spezialisiert. Dennoch stehen bei Theilmeier steigenden Ausgaben sinkende Erlöse durch die gesetzlichen Kassen gegenüber. „Wenn ich die privat versicherten Patienten nicht hätte, wäre ich sofort pleite“, sagt er.

Dieses Gefüge möchte Reinhold Schulte ändern. Der Chef der Signal-Iduna sagt: „Wir reden mit der Bundesärztekammer, damit die Gebührenordnung künftig mehr atmet.“ Atmen, das heißt für Schulte sinken. Denn Schultes Ausgaben sind so hoch, dass er die Prämien für seine Versicherten ständig erhöhen muss.

Und er sagt einen Satz, der die Dramatik der privaten Krankenversicherung zusammenfasst: „Man sollte darüber nachdenken, ob man die Pflichtgrenze nicht wieder heruntersetzt, damit mehr die Möglichkeit erhalten, sich privat zu versichern.“ Im Klartext: Auch wer weniger als 50.000 Euro pro Jahr verdient, soll sich privat versichern dürfen. Denn Schulte braucht mehr Nachwuchs für sein System.

Ein Versicherter, dem seine Privilegien zu teuer werden, ein Arzt, der sich über hohe Rechnungen an private Krankenversicherer freut, ein Vorstandschef, der mit dem letzten Aufgebot um neue Kunden wirbt - es ist etwas aus dem Lot geraten im System, mit dem die Deutschen ihre Gesundheit finanzieren. Und zwar nicht, wie oft vorhergesagt, bei den gesetzlichen Krankenkassen. Sondern ausgerechnet bei den privaten Versicherern, die lange Zeit als Zukunftslösung galten.

Kommentare zu " Private Krankenversicherung: Ein Fall für die Notaufnahme"

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  • Ich kann nur jeden warnen vor der PKV. Nach verlockendem Einstiegstarif kam kurze Ziet später die Verdreifachung des Tarifs (Central PKV). Für alle, die nicht wissen wie man da wieder rauskommt:
    1.Du mußt unter 55 Jahren sein
    2. Stell einfach um auf Teilzeit, so daß du unter die Beitragsbemessungrenze (für Altkunden sind das ca 45000€/a) rutscht
    3.Hilfreich ist dabei auch eine Bruttoentgeltumwandlung z.B. in Form einer Rentenversicherung oder auch Dienstauto nehmen.
    Ich bin wieder in der PKV und finde, dass mich mein Arzt genauso behandelt wie vorher. Ich hatte trotz Chefarzt Tarif auch nie einen Chefarzt zu Gesicht bekommen.
    Ich kann nur davir warnen in die PKV zu gehen!!

  • Als junger, sehr gut verdienender Mann wollte man mich unbedingt in die PKV locken. Ja, zu der Zeit hätte ich viel sparen können.
    Heute bin ich froh den damaligen Sirenenklängen nicht gefolgt zu sein. Das, was ich damals gespärt hätte, müßte ich jetzt dreifach als Beitrag mehr zahlen. Ich habe den Vergleich mit Kollegen, die damals sich haben überreden lassen.
    Wir werden hoffentlich in Zukunft ein Modell wie in der Schweiz bekommen. Eine Bürgerversicherung in dem der Einkommensmillionär genau so einzahlt wie der Normalverdiener. Bei Gesundheitsleistungen nach dem allgemeinen Standard. Daneben die PKV für den Luxus, Chefarzt-Behandllung, Einbettzimmer usw.

  • Vermutlich haben Sie aber über viele Jahre sehr viel Geld gespart und auch die besseren Leistungen gerne in Anspruch genommen.Der Beitragsentwicklung im Alter kann man am besten entgegenwirken durch die Wahl eines guten Versicherers mit hohem Neukundenzuwachs und durch Abschluss eines Tarifes mit garantierter Entlastung im Alter. Es gibt hier große Unterschiede. Leider wird hier immer alles verallgemeinert und alles in einen Topf geworfen. Die Zukunft gehört weiterhin dem dualen Krankenversicherungssystem, um das uns die gesamte Welt beneidet. Die BÜRGER-ZWANGSVERSICHERUNG löst keines der aktuellen Probleme im Gesundheitswesen.

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