Privatisierung einer Uniklinik
Operation Wettbewerb

Willkommen in der Universitätsklinik Gießen. Hier läuft derzeit eines der spannendsten Experimente der Gesundheitswirtschaft: die Privatisierung einer Uniklinik, der ersten in ganz Europa. Und dazu gehört auch: Schluss zu machen mit der Weitläufigkeit, die nicht nur die Orientierung erschwert, sondern auch die Kosten in die Höhe treibt.

GIESSEN. „Poliklinik Friedrichstraße?“ Der junge Mann in der orangefarbenen Weste schüttelt den Kopf: „Nee, die Poliklinik, die ist in der Paul-Meimberg-Straße.“ Doch dann verbessert sich der Einweiser auf dem Parkplatz: „Die in der Meimberg-Straße ist die chirurgische Poliklinik. Die medizinische ist in der Friedrichstraße. Einmal übers Gelände, durch die Schranke, rechts, an der Volksbank vorbei und wieder rechts.“

Allein 20 Fahrer beschäftigt die Klinik, um Patienten von einer Station zur nächsten zu transportieren. Die Gebäudetechnik ist Flickwerk. Und es braucht täglich die logistische Leistung eines Ameisenstaats, um alle Stationen mit Wäsche, Medikamenten und Verbrauchsmaterialien auszustatten.

In drei Jahren soll das Geschichte sein, ebenso wie langatmige Wegbeschreibungen. Die neuen Eigentümer, das börsennotierte Rhön-Klinikum, wollen bis 2010 einen Neubau errichten, in dem alle wesentlichen Fachbereiche Platz finden.

Nach 400 Jahren wird das Großkrankenhaus, das Nobelpreisträger wie Wilhelm Conrad Röntgen hervorbrachte, fit gemacht für den Wettbewerb im deutschen Gesundheitswesen – einen Wettbewerb, der sich noch deutlich verschärfen wird, wenn sich die Reformer unter den Ländergesundheitsministern durchsetzen. Heute und morgen diskutieren sie über die Zukunft der Krankenhäuser, ob der Markt weiter liberalisiert und wie die Finanzierung der Kliniken künftig aussehen wird.

Bislang steht nur eines fest: Es wird weniger Geld in die Kassen der meisten Krankenhäuser fließen – spätestens 2009, wenn das so genannte Fallpauschalensystem gilt und damit feste Sätze pro Krankheit gezahlt werden und nicht mehr pro Tag, den der Patient im Krankenhaus liegt.

Unikliniken trifft das besonders hart. Für einen entzündeten Blinddarm dürfen sie den Kassen keine höhere Rechnung mehr ausstellen als andere Krankenhäuser. Weil sie aber mehr Ärzte und Pfleger beschäftigen und zudem auch noch Stätten von Forschung und Lehre sind, fallen die Budgets dieser Maximalversorger derzeit noch eher üppig aus.

Wie werden sie sich mit den neuen Bedingungen arrangieren? Die Vorbereitungen für dieses Experiment haben in Gießen vor fast eineinhalb Jahren begonnen. Anfang 2006 trennte sich das Land Hessen von den Unikliniken Gießen und Marburg, die zuvor noch zwangsverheiratet wurden und schließlich an das Rhön-Klinikum ging.

Der Konzern bereitet die Klinik seitdem mit Millioneninvestitionen auf die neuen Zeiten vor. Alles soll besser und effizienter werden. Krankenhausmanager beschreiben das gern so: „Wir müssen konsequent optimieren.“

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