Privatisierung verschoben
Die Bahn arbeitet an Plan B

Noch Ende vergangener Woche gab sich Bahn-Chef Hartmut Mehdorn angriffslustig: Alle Sachargumente sprächen dafür, das Unternehmen in seiner heutigen Konfiguration weiterarbeiten zu lassen und über einen Börsengang frische Mittel zu beschaffen. Doch seine Pläne müssen – zumindest vorerst – zurück in die Schublade.

BERLIN/DÜSSELDORF. Die Politik schiebt die Privatisierung auf die lange Bank. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, die Privatisierung der Bahn „noch in dieser Legislaturperiode“ bleibe das Ziel der Regierung. Auch das Bundesverkehrsministerium bemühte sich um Schadensbegrenzung. Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) habe mehrfach deutlich gemacht, dass er ein Interesse an einer Lösung habe und dass sie bei gutem Willen auch zu erreichen sei, sagte sein Sprecher.

Für Mehdorn drängt die Zeit. Bereits mit dem Jahreswechsel verändert sich das Umfeld für die Bahn rasant. Am 1. Januar 2007 öffnen sich die Schienenverkehrsmärkte für den EU-weiten Gütertransport; die Öffnung der Personenverkehrsmärkte folgt 2010. Mehdorn hatte die bevorstehende Öffnung bislang in erster Linie als interessante Herausforderung betrachtet: „Für uns ergeben sich viele Chancen.“ Wenn man sie verwirklichen wolle, brauche man frisches Geld – und das lasse sich am einfachsten über die Teilprivatisierung generieren, so hatte Mehdorn immer wieder argumentiert.

Für den Fall, dass die Politik die Entscheidung über eine Privatisierung weiter hinauszögert, hatte Mehdorn kürzlich angekündigt, werde man „sehr schnell eine neue Vorwärtsstrategie formulieren“. Für Mehdorn gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten: Das Weiter-so-Szenario, der Verkauf der Logistik-Sparte oder ein Einstieg der staatlichen KfW.

Mehdorn selbst glaubt an die Weiter-so-Variante: „Das ist noch das Wahrscheinlichste“, sagte er. Das Unternehmen würde so funktionieren wie bisher. Bahnbetrieb und Infrastruktur blieben unter einem Dach. Das Unternehmen würde aber über erheblich weniger finanziellen Spielraum verfügen als bei einer Privatisierung. Bei seinen Expansionsplänen wäre Mehdorn allein vom Wohl und Wehe des Finanzministers abhängig.

Sehr wahrscheinlich würde bei einem Scheitern der Privatisierung die Debatte über die Logistikaktivitäten des Unternehmens neue Nahrung erhalten. Mehdorn hat aus dem Schienenverkehrsunternehmen einen weltweit agierenden Logistikkonzern geschmiedet. Diese Strategie hat ihm viel Kritik eingetragen: Es sei nicht die Aufgabe des bundeseigenen Unternehmens, Paketzustellung in den USA zu betreiben. Der Verkauf der Logistiktochter Schenker war in den vergangenen Wochen insbesondere von Unionspolitikern ins Gespräch gebracht worden. Aus den Einnahmen könne die Bahn ihre Expansion auf der Schiene betreiben.

Die Diskussion über die Zukunft der Bahn strahlt auf andere Unternehmen aus. Die Unsicherheit über die Ausrichtung des großen Players habe Auswirkungen auf die Marktentwicklung und damit auf die vielen Wettbewerber, sagte Günter Elste, Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und Chef des Bahnunternehmens Hamburger Hochbahn, dem Handelsblatt. Die Entwicklung der Bahn sei auf das Ziel Börsengang ausgerichtet. Wenn die Politik dieses Ziel nicht mehr verfolge, könne das erhebliche Einflüsse auf die Entwicklung der Infrastruktur haben. „Unsere Unternehmen brauchen dringend Klarheit, wie die Qualität des Bestandsnetzes morgen und übermorgen aussieht.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%