Trotz des Aufschwungs sind Langzeitarbeitslose immer noch die größte Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt. Jetzt haben Unternehmen im Emsland einen Weg gefunden, Hartz-IV-Empfängern neue berufliche Perspektiven zu geben – und damit selbst noch Geld zu verdienen. Was das Konzept aber wirklich spektakulär macht: Es soll ohne einen Euro an Subventionen funktionieren.
LINGEN. Diese Frage. Martin Suresch kann sie nicht mehr hören. Will sie nicht mehr hören. Immer wieder wird sie ihm gestellt, seit Monaten. Von Vorgesetzten, Geschäftspartnern, Journalisten. Vielleicht im Stillen auch von ihm selbst. Ob das Projekt wirklich Erfolg haben kann?
„Ich hasse diese Frage“, zischelt Suresch. So leise, dass der Journalist sicherheitshalber nachfragt, ob er richtig verstanden hat. Suresch nickt und zieht an seiner Zigarette. Eher nachdenklich als ärgerlich fragt er dann zurück: „Warum können wir nicht einfach mal sagen: Die Idee ist gut, lasst sie uns ausprobieren? Diese ständige Skepsis überall, damit kann man alles kaputtreden.“
Nicht mit Suresch, nicht bei diesem Projekt. Der 52-Jährige – im Hauptberuf kaufmännischer Geschäftsführer der BP Raffinerie in Lingen – ist überzeugt: Zusammen mit einigen emsländischen Mittelständlern und der örtlichen Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat er einen Weg gefunden, Langzeitarbeitslose von der Straße zu holen, ihnen neue berufliche Perspektiven zu geben.
Das an sich wäre schon bemerkenswert, sind doch Langzeitarbeitslose trotz des Aufschwungs immer noch die größte Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt. Das dürften auch die Zahlen für Juli belegen, die die Bundesagentur für Arbeit Anfang nächster Woche vorlegt.
Was das Konzept von Suresch und Co. aber wirklich spektakulär macht: Es soll ohne einen Euro an Subventionen funktionieren. Ohne öffentliche Lohnkostenzuschüsse, ohne Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge durch den Staat, ohne zweiten oder dritten Arbeitsmarkt. Eine Sensation – wenn das Projekt langfristigen Erfolg hat. Es sieht nicht schlecht aus bislang, aber wirklich beurteilen lässt sich das erst in drei bis fünf Jahren.
Entscheiden wird sich dies am nördlichen Stadtrand von Lingen in einem grauen, eingeschossigen Häuschen. Mit seinem Spitzdach sieht der Bau aus wie ein geschrumpftes Einfamilienhaus, als Vereinsheim für Kleingärtner wäre er ein bisschen zu klein. Hier, in einer Straße mit dem eigentümlichen Namen Schüttelsand, hat die im April 2007 entstandene IHP GmbH ihre Zentrale.
Vier mittelständische Unternehmen aus dem Emsland haben die Firma gegründet – um damit etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun. Der Arbeitsmarkt für qualifiziertes Personal in der Region ist fast leergefegt, Arbeitnehmer von außerhalb lassen sich kaum für die Region begeistern. Die Unternehmer sahen daher nur eine Alternative: Hartz-IV-Empfänger zu mobilisieren. „Wir wollen Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt besonders schlechte Karten haben, eine Chance geben“, sagt Bauunternehmer Andreas Mainka, einer der Gesellschafter von IHP.
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Das Besondere an dem neuen Unternehmen: Die Gesellschafter kombinieren soziale Verantwortung und Unternehmergeist. Sie wollen Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot bringen – und damit selbst Geld verdienen. IHP ist ein Dienstleister für andere Unternehmen, nimmt ihnen Tätigkeiten ab, die nicht zu deren Kerngeschäft gehören – zum Beispiel Hausmeister- und Reinigungsjobs. 130 zuvor arbeitslose Menschen beschäftigt IHP inzwischen.
BP-Manager Suresch ist erster und derzeit wichtigster Kunde von IHP. Ehemalige Langzeitarbeitslose pflegen die Grünanlagen der Raffinerie, putzen die Waschkauen und halten die Werksfahrräder in Schuss. Schon von weitem sind die IHP-Leute zu erkennen: „Echte“ BP-Mitarbeiter tragen blaue Arbeitsoveralls, IHP-Beschäftigte dagegen sind ganz in Grün gekleidet.
Klaus Herbers ist einer von ihnen. Der 49-jährige ausgebildete Elektriker hatte zuletzt als LKW-Fahrer gearbeitet, bis sein Arbeitgeber Pleite ging. Drei Monaten stand er auf der Straße, bis er bei IHP anheuerte. Zum ersten Mal seit gut zehn Jahren arbeitet er dort wieder in seinem erlernten Beruf – Herbers wartet bei BP Klima- und Lüftungsanlagen und erledigt einfache elektrische Instandsetzungsarbeiten. „Ich bin heilfroh, dass ich das LKW-Fahren hinter mir habe“, sagt er.
In die gängigen Schubladen will das Konzept der Lingener IHP nicht so richtig passen. Das Unternehmen ist keine Personal-Service-Agentur – die Mitarbeiter erledigen zwar Aufträge anderer Unternehmen, IHP hofft aber nicht, dass sie dort übernommen werden. „Wir wollen unsere Leute auf Dauer bei uns halten“, betont Mainka. IHP ist auch keine klassische Leiharbeitsfirma – die Beschäftigten sollen nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft bei den Auftraggebern arbeiten. Und IHP ist auch keine Beschäftigungsgesellschaft – es schickt Arbeitslose nicht in bezahlte Weiterbildungskurse, sondern qualifiziert sie auf eigene Kosten. „Das Unternehmen wird nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt“, betont IHP-Geschäftsführer Holger Zaß. „Unsere Gesellschafter schießen keine Gelder zu.“ Von den 100 000 Euro Grundkapital abgesehen, mit denen sie das Unternehmen zum Start ausgestattet haben.
Die örtliche Politik ist von der Initiative begeistert. Sie sei ein gutes Beispiel dafür, „wie Regionen selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen können“, sagt Landrat Hermann Bröring. Was die Unternehmer mit IHP auf die Beine gestellt hätten, habe Vorbildcharakter.
So einfach wird sich das IHP-Modell allerdings kaum kopieren lassen. Denn es sind erst einige regionale Besonderheiten, die das Projekt möglich gemacht haben. Traditionell gibt es im Emsland ein enges Beziehungsnetzwerk zwischen Unternehmen, Gewerkschaften und Politik. „Man kennt sich hier und vertraut sich“, sagt IG-BCE-Bezirksleiter Peter Wind. „Wenn es Probleme gibt, dann setzt man sich bei einem Glas Bier zusammen, und wenn man sich geeinigt hat, besiegelt man das per Handschlag“, berichtet Wind, der auch im Beirat von IHP sitzt, ebenso wie Lingens Bürgermeister und der Landrat.
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Hinzu kam eine besondere Situation in der örtlichen BP-Raffinerie, die den Anstoß für die IHP-Gründung gab: Im Herbst 2006 stand eine Totalrevision des Werkes an – ein „Stillstand“, wie es im Fachjargon heißt. Mehr als einen Monat lang wird die gesamte Produktion heruntergefahren, sämtliche Anlagen werden auseinander geschraubt, gewartet und wieder zusammengesetzt. Eine Mammutaufgabe, die alle fünf Jahre ansteht und für die BP mehr als 3 000 zusätzliche Leute braucht. Früher heuerte die Raffinerie dafür ausländische Leiharbeiter an. „Da gab es immer wieder Probleme, die Qualität der Arbeitskräfte war nicht befriedigend“, erzählt Suresch.
Viele verstanden kein Wort Deutsch, nahmen es mit den Sicherheitsvorschriften auf dem Raffineriegelände nicht so genau, arbeiteten unzuverlässig. „Dieses Mal haben wir uns daher gefragt, ob wir einen Teil der Tätigkeiten nicht mit Arbeitslosen aus der Region erledigen können“, erzählt Suresch.
Der Manager machte die Probe aufs Exempel: Rund ein Jahr vor dem „Stillstand“ stellte er 150 Langzeitarbeitslose ein, zunächst befristet auf ein halbes Jahr. „Wer sich bewährte, dessen Vertrag haben wir um neun Monate verlängert.“ Während des „Stillstands“ arbeiteten die einstigen Arbeitslosen als Sicherungsposten, als Reinigungskräfte und als Handwerker. Suresch: „Mit fast allen haben wir gute Erfahrungen gemacht.“
Einer, der so zu einem festen Arbeitsplatz kam, ist Michael Köhne. 39 Jahre alt, keine Berufsausbildung, fünf Jahre ohne Job. Auch nach einem Jahr hat Köhne das Datum, an dem sich das änderte, auf den Tag genau im Kopf. „Das war der 16. Juli 2006“, sagt der schmächtige, blonde Mann. Jeden Tag putzt er seitdem in der Raffinerie die Toiletten, Duschen und Umkleideräume der Erdölarbeiter. Kein angenehmer Job, dicke blaue Handschuhe, die bis zu den Ellenbogen gehen, sind Köhnes wichtigstes Arbeitsutensil.
Dem 39-Jährigen macht das nichts aus. Auch dass er um fünf Uhr morgens aufstehen und eine Dreiviertel-Stunde zur Arbeit radeln muss, ist ihm egal. „Ich bin einfach nur froh, dass ich wieder Arbeit habe und nicht zu Hause rumhängen muss.“
Den letzten Job auf dem Bau hatte er 2001 durch eine längere Krankheit verloren, danach mal einen Aushilfsjob ergattert und ansonsten ehrenamtlich gearbeitet. Als Köhne hörte, dass BP für die Revision Leute sucht, hat er sich beworben – eigentlich nur für einen 400-Euro-Job. „Damit wäre ich schon voll zufrieden gewesen. Als die mir eine volle Stelle anboten, standen mir fast die Tränen in den Augen“, erzählt der Mann mit den imposanten Tätowierungen auf den Oberarmen.
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Solche Geschichten waren es, die Suresch dazu brachten, nach Wegen zu suchen, sein Projekt nach dem „Stillstand“ fortzusetzen. Über den Wirtschaftsverband Emsland, bei dem der BP-Manager im Vorstand sitzt, fand er Mitstreiter – neben dem Bauunternehmer Mainka den Inhaber eines Maschinenbauers, einen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie einen Büromaterial-Lieferanten. Vier Mittelständler, die zusammen 700 Mitarbeiter beschäftigen und 200 Millionen Euro umsetzen.
Sie übernahmen die zuvor bei BP angestellten einstigen Hartz-IV-Empfänger und stellten nach und nach weiteres Personal ein. Derzeit kommen pro Monat zehn neue Mitarbeiter hinzu – „vom 22-Jährigen mit drei abgebrochenen Ausbildungen bis zum 56-Jährigen, der sechs Jahre arbeitslos war“, erzählt Mainka.
„Zu 50 Prozent hat mich der Gedanke, dass sich mit dieser Sache Geld verdienen lässt, zum Mitmachen bewogen“, sagt der Bauunternehmer. „Soziale Motivation macht die anderen 50 Prozent aus.“ Daher haben die Gesellschafter auch die IHP-Gewinne gedeckelt. Alles, was fünf Prozent des Umsatzes übersteigt, geht in die Weiterbildung der Langzeitarbeitslosen. Im Gegenzug war die IG BCE bereit, sich auf einen extrem flexiblen Haustarifvertrag einzulassen.
„Dieses Modell ist bislang einzigartig“, sagt IG-BCE-Bezirksleiter Wind. „In der Dienstleistungsbranche ist es üblich, den Mitarbeitern acht Euro pro Stunde zu zahlen, den Kunden aber bis zu 40 Euro in Rechnung zu stellen – das macht die IHP nicht.“ Die Lingener geben sich mit niedrigeren Margen zufrieden und zahlen deutlich besser als der derzeit diskutierte Mindestlohn. So bekommt ein Ungelernter zum Einstieg 1 570 Euro.
Und die Gesellschafter haben Großes vor mit IHP: 400 bis 500 Beschäftigte soll das Unternehmen in einigen Jahren haben. Für das erste Geschäftsjahr peilen die Lingener einen Umsatz von vier bis fünf Millionen Euro an – und eine „schwarze Null“.
Was den Erfolg des Unternehmens aufhalten könnte? Gesellschafter Mainka sieht vor allem ein Problem: „Ich fürchte, früher oder später werden uns die besten Leute von anderen Firmen abgeworben.“


