Problem der Marktmacht
Gutachter stellt sich hinter Stromkonzerne

Im Streit um die Marktmacht der großen Stromkonzerne haben die betroffenen Unternehmen Rückendeckung von der Wissenschaft bekommen. Ein im Auftrag des RWE-Konzerns verfasstes Gutachten des Kölner Ökonomen Axel Ockenfels kommt zu dem Ergebnis, dass das Marktmachtproblem systematisch überschätzt werde.

BERLIN. Ockenfels reagiert mit dem bislang noch unveröffentlichten Gutachten, das dem Handelsblatt vorliegt, auf die Kritik an den vier großen Stromkonzernen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW, die gemeinsam für mehr als 80 Prozent der Erzeugungskapazitäten im Stromsektor stehen. Bundesregierung, Stromverbraucher sowie die EU-Kommission kritisieren einhellig, die vier großen Erzeuger nutzten ihre starke Position, um die Preise künstlich hoch zu halten. Auch eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie des Beratungsunternehmens London Economics (LE) war kürzlich zu diesem Ergebnis gekommen. Die Studie dient der EU-Kommission – gemeinsam mit anderen umfassenden Untersuchungen – als Basis für die Forderung nach einer Zerschlagung der Energiekonzerne. Nach Auffassung von Energiekommissar Andris Piebalgs kann nur die eigentumsrechtliche Trennung (Ownership Unbundling) der Energieerzeugung von den Netzen den Wettbewerb nachhaltig stärken.

Ockenfels kommt dagegen zu dem Ergebnis, dass es um den Wettbewerb nicht so schlecht bestellt ist, wie von den Kritikern immer wieder behauptet wird. „Bei einem Vergleich der Marktstrukturen in Europa steht Deutschland sehr gut da. Lediglich England schneidet besser ab“, sagte Ockenfels dem Handelsblatt. An der LE-Studie kritisiert der Kölner Ökonom insbesondere, sie ignoriere die positiven Effekte des grenzüberschreitenden Stromhandels. Im Ergebnis, so heißt es in seinem Gutachten, könne die LE-Studie „dem Anspruch nicht gerecht werden, eine robuste Entscheidungsgrundlage für wettbewerbspolitische oder regulatorische Maßnahmen zu liefern“. Sie fokussiere sich zu sehr auf einen fiktiven, nicht erreichbaren Referenzfall eines perfekten Wettbewerbsmarktes und leide insgesamt an methodischen und empirischen Mängeln. Der 38-jährige Ockenfels ist einer der forschungsstärksten Ökonomen seiner Generation. Er gehört zu den führenden deutschen Wissenschaftler bei der Erforschung der Funktionsweise von Märkten und deren Optimierung.

Andere Wissenschaftler dagegen teilen im Gegensatz zu Ockenfels die Ergebnisse der LE-Studie. Der Dresdner Energiewirtschaftler Christian von Hirschhausen sagte dem Handelsblatt, die Marktmacht der vier großen Stromkonzerne sei ungebrochen, die Forderungen der EU-Kommission daher konsequent: Das „Ownership Unbundling“ sei notwendig, um mehr Wettbewerb zu schaffen.

Ockenfels verteidigt die Branche auch gegen Kritik an der Leipziger Strombörse EEX. „Die Diskussionen über angebliche Manipulationen an der EEX sind allzu oft das Resultat eines mangelnden Verständnisses von Strommärkten“, sagte er. Die „fast schon grotesken Debatten“ um die Einpreisung von Zertifikatekosten oder um den Zukauf von Strom durch Stromerzeuger an der EEX belegten dies eindrücklich. Es gebe keinen Anlass, fehlenden Wettbewerb an der Börse zu diagnostizieren.

Die EEX ist dagegen in den Augen ihrer Kritiker ein Symbol für die Schwächen des Marktes. Etwa 20 Prozent des deutschen Stromvolumens werden in Leipzig gehandelt. Die meisten Industriekunden schließen zwar direkt Verträge mit den Stromerzeugern. Die Preise, die an der EEX notiert werden, haben jedoch als Referenzwert Bedeutung für den Markt. Kritiker werfen den Energiekonzernen daher vor, sie hielten die Preise an der Leipziger Strombörse künstlich hoch. Möglich sei dies, weil es dem Marktgeschehen an der EEX an Transparenz mangele, sagte von Hirschhausen. Er fordert deshalb, ein „Marktmacht-Monitoring“ aufzubauen.

Aus der Sicht von Ockenfels geht dies zu weit. „Forderungen nach höherer Transparenz sollten wohlüberlegt sein. Es gibt keinen Markt, in dem die Teilnehmer die Handlungsoptionen ihrer Wettbewerber exakt kennen“, sagte Ockenfels.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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