Kommentar zur Flüchtlingspolitik
Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels

Flüchtlingswellen sind eine feste Größe in der Menschheitsgeschichte und waren stets ein globales Problem, meint Historiker Michael Wolffsohn. Um zu sehen, was kommt, muss man kein Prophet sein. 14 Zukunftsthesen.
  • 161

1. Flüchtlingswellen sind wie der Klimawandel. Man kann sie abschwächen und verzögern, nicht aber verhindern. Der Klimawandel ist eine feste Größe der Erd- und Menschheitsgeschichte. Politisch, klimatisch, wirtschaftlich oder militärisch bedingte Migration beziehungsweise Flüchtlingswellen und Völkerwanderungen sind eine Konstante der Menschheitsgeschichte (zum Thema Klima- und Menschheitsgeschichte empfehle ich nachdrücklich Josef Reichholfs wunderbares und jedermann verständliches Buch „Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends“).

Wer nur sich selbst und sein eigenes Heute sieht, hält Klimawandel und Migration für (s)eine Gegenwart oder Zukunft.

2. Keine Migrationswelle der Menschheitsgeschichte war ein lokal oder regional begrenztes Ereignis. Oft wirkte sie global – auch bevor man von „Globalisierung“ sprach. Jede Migrationswelle dauerte relativ lang und bewirkte in der freiwillig oder unfreiwillig aufnehmenden Gesellschaft fundamentale Veränderungen.

3. Alle Migrationswellen glichen, im wörtlichen Sinne, einer Revolution, indem sie die bestehenden Verhältnisse vollkommen umkehrten. Man denke an die beiden Indoeuropäischen Völkerwanderungen ab ca. 2.000 und 1.200 v. Chr. Ein anderes Beispiel sind die Hunnen. Sie wurden im 4. Jahrhundert von den Chinesen vertrieben und vertrieben ihrerseits die Germanen. Diese „wanderten“ vom 4. bis 6. Jahrhundert west- und südwärts. Die Einwandernden vertrieben oder vernichteten dabei die Einheimischen. Seltener vermischten sie sich friedlich mit den bereits Ansässigen. Nicht viel anders verlief die Slawische Völkerwanderung vom 5. bis 7. Jahrhundert.

4. So gesehen haben nicht nur „die Deutschen“ Angst vor dem oder den Fremden. Diese Angst ist eine Menschheitsangst. Sie basiert auf eigener oder tradierter Erfahrung. Oft schlägt sie aber, ganz und gar unnötig, in Hysterie um. Nicht jede Flüchtlings- oder Zuzugswelle war oder ist nämlich ein Tsunami oder auch nur andeutungsweise eine Bedrohung.

5. Die Angst ist dumm. Nämlich die Angst von Einheimischen (nicht nur der deutschen) vor friedlich kommenden, Schutz oder nur ein besseres Leben suchenden Ein- oder Zuwandernden war historisch und ist auch heute nur hysterisch, dumm und ihre Vertreibung immer ebenso unmoralisch, wie im eigenen Interesse, schädlich. So war beispielsweise die jüdische und hugenottische beziehungsweise protestantische Zuwanderung für jede aufnehmende Gesellschaft ein Gewinn, ihre Vertreibung oder Vernichtung sowohl mörderisch als auch selbstmörderisch.

Eine andere Form der Migration war vorgestern der „Import“ von versklavten Schwarzafrikanern nach Amerika. Er brachte damals den Sklavenhaltern wirtschaftliche Vorteile. Die Nachfahren der Sklaven und Sklavenhalter müssen seit gestern und bis heute und morgen die Folgeprobleme tragen. Enorm ist die gesellschaftliche Sprengkraft. Daran kann nicht einmal ein schwarzer Präsident in den USA Grundlegendes ändern.

6. In Anbetracht all dessen geht es uns gut. Den Klimawandel können wir (noch) verlangsamen. Die Migrationswelle ist, trotz aller immensen kurzfristigen Probleme und Ängste, langfristig so etwas wie ein Geschenk des Himmels. Wer, wie die überalterten Deutschen und andere Westeuropäer, weder Inder noch Kinder, also demografisches Gleichgewicht sowie Wohlstand, will oder bekommt, braucht Zuwanderer. Seien es Flüchtlinge oder anderer Menschen-„Nachschub“.

Deshalb gilt: Wer heute stöhnt, wird morgen verwöhnt – erfährt jedoch spätestens übermorgen kulturelle, religiöse, rassische, also fundamentale gesellschaftliche Verwerfungen. Sie können friedlich verlaufen. Garantiert ist das nicht.

7. Umgekehrt gilt folgende Aussage bezogen auf Staaten, in denen Menschen ermordet, aus ihnen vertrieben werden, fliehen oder nur des besseren Lebens willen auswandern: Heute vertreiben oder verlieren sie die meist besser Qualifizierten. Morgen und erst recht übermorgen werden sie deshalb noch größere Überlebensprobleme haben.

Seite 1:

Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels

Seite 2:

Eine dreifache Revolution

Kommentare zu " Kommentar zur Flüchtlingspolitik: Neuankömmlinge sind ein Geschenk des Himmels"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Diese "Geschenke des Himmels" haben in Suhl einen hohen Sachschaden angerichtet, Menschen verletzt und in Angst und Schrecken versetzt. Nein Danke für ein solches Geschenk! Man sollte die Einrichtung nicht reparieren, sondern die Schäden lassen. jeder lebt eben in der Umgebung, die er sich selbst geschaffen hat, kaputte Toilletten, offene Türen für Jeden, kaputte Fenster, auch wenn es kalt wird... Ist doch schön...

  • Ein Geschenk, das diesen Namen verdient, kann man auch ablehnen und zurückschicken!

  • Ich habe grundsätzlich nichts gegen diese "Geschenke des Himmels". Allerdings mache ich mir Sorgen, wie wir die ganzen Flüchtlinge über den Winter bekommen sollen, wenn schon jetzt die Unterkünfte fehlen? Überwintern im Zelt? In Deutschland? So schnell geht die Klimaerwärmung nun doch nicht. Haben unsere Politiker dazu schon Pläne und wenn ja, welche? Wir haben jetzt bald Ende September, bald werden die Nächte wieder deutlich kälter. Was dann?
    Man hört bzw. liest dazu nichts...Nur allgemeine Panik über den Status quo.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%