Professor Tacheles
Ahnungslos im Religionskrieg

Westeuropas Naivität im Islam-Umgang ist täglich sichtbar. Auf der Pariser Millionen-Demonstration war sie mit den Händen greifbar. Vorne marschierten die „Eliten“. Harmonie der Nationen und Religionen? Pustekuchen.
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Rührend naiv sind unsere Versuche, mit „dem“ Islam ins Gespräch zu kommen. Mit „unsere“ meine ich den Hauptstrom der westeuropäischen, also auch deutschen Politik, Gesellschaft, Medien und, ja, auch Wissenschaft.
Religiöse Ahnungslosigkeit herrscht weit und breit. Nicht nur bezüglich des Islam, sondern auch der eigenen, christlichen Mehrheits-Religion. Diese Unkenntnis wäre folgen- und bedeutungslos, beträfe sie nicht die Frage: „Wie umgehen mit dem islamistischen Terror?“ Wer nämlich weder das Christentum noch Judentum oder gar den Islam kennt, versteht nichts von Religion und kann nicht mit religiös motivierten Menschen kommunizieren. Außerdem sind religiös Ahnungslose unglaubwürdig, wenn sie behaupten (sprich: nachplappern), Islam und Islamismus hätten nichts miteinander zu tun. Wen wundert´s, dass „Volkes Stimme“ den Stimmen dieser sogenannten Eliten schließlich nicht mehr nicht zuhört?

Westeuropas Naivität im Umgang mit dem Islam ist täglich sichtbar. Auch auf der weltweit umjubelten Pariser Millionen-Demonstration gegen den Terror war sie mit den Händen greifbar und mit den Augen sichtbar. Wir haben Augen und sehen nicht, wir haben Ohren und hören nicht.

In der ersten Reihe marschierten die (Positions-)„Eliten“. Eindrucksvoll international und überkonfessionell: Unsere protestantische Kanzlerin, der Jude Netanjahu aus Israel, der Muslim Abbas aus Palästina und der ebenfalls muslimische Präsident Malis. Allen voran schritt Frankeichs zumindest formal katholischer Präsident. Also Harmonie der Nationen und Religionen? Pustekuchen.

Frankreich beharrt seit der Französischen Revolution strikt auf der Trennung von Religion und Politik. Das ist durchaus wünschenswert, aber in diesem Fall nicht sinnvoll und nicht machbar, denn bei den islamistischen Terroristen sind Religion und Politik, ob es uns gefällt oder nicht, ineinander verwoben. Deshalb können wir nicht unseren Wunsch zur Wirklichkeit wenden. Wer in der Diagnose trennt, was bei den Akteuren (sprich: Patienten) zusammengewachsen ist, wird bei der Therapie scheitern.

Kein vernünftiger Mensch wird zudem behaupten, Frau Merkel repräsentiere das evangelische, Hollande das katholische Christentum, Abbas und der Mann aus Mali den Islam oder Netanjahu das Judentum.

Sichtbar unsichtbar, weil abwesend, waren die echten, also religiösen, Vertreter der betroffenen oder getroffenen Religionen: Islam, Christentum, Judentum. Gewiss, es wurde gegen den Terror an sich demonstriert, nicht gegen den Terror von Muslimen, durch Muslime und angeblich für Muslime. Doch unbestreitbar hat der gegenwärtig in Europa tobende Terror zumindest etwas mit Religion zu tun. Folgerichtig ist ein Dialog der Religionen gefordert, eigentlich ein Trialog zwischen Islam, Christentum und Judentum.

Kommentare zu " Professor Tacheles: Ahnungslos im Religionskrieg"

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  • Von Prof. Wolfsohn habe ich einen solche guten Beitrag rwartt.
    as soll er unsren Politíkern mal um die Ohren hauen, die städig von Toleranz quassesn

  • Denn nur weil WIR machtpolitisch entsprechend unbedarft und anspruchslos orientiert sind, heisst es beileibe nicht zwangsläufig, dass alle ANDEREN ebenfalls derart naiv auf die Welt blicken.

  • Ein Lob an die gesamte Kommentatoren-Runde - ich finde, ihr habt euch allesamt auf sinnigem Niveau eingebracht und das Thema fundiert beleuchtet.

    Wirklich war - nur wegducken und ganz feste hoffen, dass schon alles irgendwie gut gehen wird funktioniert leider NICHT - zumindest nur im Kreise derer, die ebenso dieser Art ticken.

    Wenn aber andere Gruppierungen mit klarer, unseren Status Quo gefährdender Agenda operieren, werden diese Gruppierungen die Zeit des allgemeinen Unbedarftseins für sich zu nutzen wissen...

    ...und deren Saat wird irgendwann ihre Früchte zeigen...

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