Professor Tacheles
Griechenland – jenseits des Geldes

Wenn in Griechenland die Sonne untergeht, hat das für Europa nicht nur finanzielle Konsequenzen. Doch die strategischen Nachteile sind für den Westen durchaus beherrschbar – meint Professor Tacheles.
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Es geht nicht ums Geld allein. Und wahrlich um mehr, als die groß gewordenen Kinder, die Linkspolitiker Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis, oder ihre extrem rechtsnationalistischen Koalitionspartner. Das wird in der Griechenland-Diskussion oft übersehen. Es geht um die Strategie des Westens und um „das“ Symbol der Demokratie, um die „Wiege der Demokratie“ und „abendländische Kultur“.

Zur Strategie: Als Brücke zum Nahen Osten scheint Griechenland geografisch und daher strategisch für den Westen unverzichtbar. Auch ökonomisch scheint es als Transitland für Erdöl- und Erdgas-Pipelines unverzichtbar. Mit Hilfe Putins hat Premier Tsipras gerade diesen Aspekt jüngst sichtbar gemacht.

Putin und Tsipras vereinbarten eine Pipelinetrasse von Russland über Griechenland nach Mittel- und Westeuropa. Ja, Griechenland ist dabei wichtig, aber nicht unverzichtbar. Es gibt nämlich auch andere Trassen: zum Beispiel über die Türkei und andere Balkanstaaten zu uns.

Die Zusammenarbeit zwischen Russland und Griechenland könnte langfristig zum Nato-Austritt Athens führen, fürchten manche. Tsipras & Co sind alles andere als glühende Nato-Anhänger. Die Nato und deren vermeintlicher Neo-Liberalismus (= „Kapitalismus“) sind für diese Überzeugungslinken gleichermaßen abstoßend. Doch trotz aller Ideologie kennen auch sie die Basis-Strategie ihres Landes. Ohne die Nato wäre Griechenland vor allem seinem „Erbfeind“ Türkei hoffnungslos unterlegen und damit ausgeliefert.

Als Nato-Mitglied bekäme Griechenland im Falle eines derzeit auch unter Erdogan unwahrscheinlichen türkischen Angriffs automatisch Unterstützung. Bekanntlich gilt der Angriff auf einen Nato-Staat als Attacke auf alle Mitglieder. Sie sind dann zur Verteidigung ihres angegriffenen Mitglieds verpflichtet. Gleiches gälte natürlich umgekehrt im Falle eines auch unter Tsipras & Co. unwahrscheinlichen Angriffs auf die Türkei.

Im schlimmsten Fall, befürchten manche, könnte Griechenland Russland einen Hafen anbieten. Das wäre mit einer Nato-Mitgliedschaft unvereinbar. Die ist jedoch aus den genannten Gründen für Hellas überlebenswichtig.

Die wechselseitige Zähmung früherer und möglicherweise künftiger Konfliktparteien war, nach und außer der Verteidigung gegenüber dem kommunistischen Ostblock, der Grundgedanke der Nato. Zuerst verwirklicht wurde der friedensstiftende Denkansatz mit Deutschland und Frankreich in der Montanunion für Kohle, Eisen und Stahl. Er wurde später ausgedehnt auf EWG, EG und EU. Damit sich die Feinde nicht mehr ineinander verbeißen, wurden sie ineinander verzahnt. Sicherheit konnten sie nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch miteinander erlangen. Der Gedanke war genial und revolutionär.

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