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Jörg Tauss: Der erste Pirat im Parlament

Jörg Tauss wechselt zur Piratenpartei. Nachdem sich abzeichnete, dass seine Karriere in der SPD beendet war, entschloss er sich zum Abschied. Über die Motive eines angeschlagenen Politikers.

Für knackige Schlagzeilen war Jörg Tauss schon immer gut. Jetzt kehrt der schlagfertige Karlsruher - zeitweise ungekrönter König der Zwischenrufer im deutschen Bundestag - seiner SPD den Rücken und wechselt zur Piratenpartei. Nach 38 Jahren SPD-Zugehörigkeit schwenkte er am Wochenende bei Kundgebungen in Berlin unermüdlich die schwarze Totenkopffahne der Piraten. Damit ist die SPD des Problemfalles Tauss ledig - und die Piratenpartei hat unverhofft einen Sitz im Parlament geentert, wenn auch nur bis zur Wahl.

Anlass für Tauss? endgültigen Abschied von der Sozialdemokratie war deren Zustimmung zur Sperrung von Kinderpornografie-Seiten im Internet in der vergangenen Woche. Seit langem lieferte sich der Medienpolitiker einen erbitterten Kampf mit der von Internet-Freaks als "Zensursula" geschmähten Familienministerin Ursula von der Leyen und pochte auf die Freiheit des Netzes.

Im März jedoch fand die Staatsanwaltschaft bei Durchsuchungen seiner Büros und seiner Wohnung kinderpornografisches Material bei Tauss. Dieser sagte nach dem Fund, er habe selbst gegen die Szene ermittelt. Erwiesen ist nichts, die Staatsanwälte ermitteln noch.

In der Fraktion kursierten zunächst wilde Gerüchte. Womöglich habe das Familienministerium Tauss Material unterschieben lassen, um den Widersacher zum Schweigen zu bringen. Schnell zeichnete sich ab, dass die SPD-Karriere des 55-jährigen profilierten Bildungspolitikers beendet ist. Seine Amt als Fraktionsvize musste er ebenso abgeben wie das des Generalsekretärs der baden-württembergischen SPD. Auch das Amt als Sprecher für Medien-, Bildungs- und Forschungspolitik der Fraktion wurde der frühere Pressesprecher der IG Metall los und fühlte sich "zunehmend gemobbt".

Sein Mandat jedoch ließ sich der selbstbewusste, mitunter schnoddrig agierende Tauss nicht nehmen. Während der letzten Sitzungswoche hat er einen Extrastuhl für die Piratenpartei beantragt. Kandidieren will er für die Verteidiger des freien Internets jedoch nicht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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