Prominenter Seitenwechsel
Was Politiker nach dem Wechsel in die Wirtschaft verdienen

Friedrich Merz, gerade zurückgetretener Fraktionsvize der CDU, dementierte umgehend. Er gehe nicht zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Für wenige Stunden hatte gestern diese Meldung für Aufsehen gesorgt. Die „Bild“–Zeitung hatte berichtet, der BDI wünsche sich Merz als Hauptgeschäftsführer.

JPH/HB FRANKFURT. Politiker, die in die Wirtschaft gehen – das hat immer einen gewissen Beigeschmack. Zu groß ist der Verdacht, der Abtrünnige werde sein Netz aus Kontakten zu den politischen Entscheidern schon zu nutzen wissen. Vielleicht werde er nur deswegen überhaupt auf gut bezahlte Positionen gehievt.

Aktuellstes Beispiel: Alfred Tacke, beamteter Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Er kündigte an, seinen Job hinzuschmeißen, um ab dem 1. Januar 2005 Vorstandsvorsitzender des Stromversorgers Steag zu werden. Sofort vermuteten Politiker aus Reihen der CDU, da könne wohl etwas nicht stimmen. Denn Tacke hatte vor zwei Jahren die Ministererlaubnis für die Übernahme der Ruhrgas AG durch Eon erteilt. Und nun holt ausgerechnet sein damaliger Chef, Ex-Wirtschaftsminister Müller, inzwischen Vorstandschef der RAG, Tacke zu einem Tochterunternehmen. Freilich ist der Wechsel formal nicht zu beanstanden.

Auch Florian Gerster hat es bei seiner neuen Arbeit nicht leicht. Nachdem er den Posten als Chef der Bundesanstalt für Arbeit verloren hatte, heuerte er bei der US–Investmentgesellschaft Fortress an. Aufgabe: Gerster soll den Kauf von 25 000 Wohnungen durch Fortress verhandeln. Besitzer der Wohnungen: Die Bundesanstalt für Arbeit, inzwischen in Bundesagentur umgetauft.

Nicht ganz ohne Grund dürfte auch Horst Teltschik heute an der Spitze von Boeing Deutschland stehen. Der frühere enge Berater von Bundeskanzler Kohl verfügt über hervorragende Kontakte, die vor allem dann Sinn ergeben, wenn man weiß, dass Boeing neben zivilen Flugzeugen auch Militärmaschinen baut.

Bewahrung der Schöpfung

„Diese Leute sind in Netzwerke eingebunden, die einem Unternehmen sehr viel nützen können“, sagt ein Frankfurter Personalberater, „aber längst nicht alle sind ihr Geld wert. Haben sie erst die Seiten gewechselt, sind alte Verbindungen schnell vergessen.“

So ist von einigen Politikern, die in die Wirtschaft wechselten, kaum etwas zu hören. Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Klaudia Martini (SPD) ging 2001 zu Opel, konnte dort aber in der Unternehmenskommunikation nicht Fuß fassen. Im Mai dieses Jahres wurde das Arbeitsverhältnis, offiziell aus persönlichen Gründen Martinis, beendet. Die Grüne Gunda Röstel ging zum Versorger Gelsenwasser – seitdem ist sie aus der Öffentlichkeit entschwunden.

Ein positives Beispiel für einen gelungenen Seitenwechsel ist der ehemalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt. Schon in seinen sechs Jahren als Senator glaubwürdig, schaffte er 1998 mühelos den Weg in den Vorstand von Shell, wo er sich für erneuerbare Energien und Umweltschutz stark machte.

Inzwischen ist er Vorstandsvorsitzender von Re-Power, einem der größten Hersteller in Deutschland von Windkraftanlagen. Das Geheimnis von Vahrenholt dürfte sein, dass er auf beiden Seiten, Wirtschaft und Politik, das selbe Ziel verfolgt: „Das Projekt unserer Zeit heißt ’Bewahrung der Schöpfung’. Ich versuche, seit 30 Jahren daran mitzuwirken. Das Einzige, was sich ändert, sind die Mitstreiter.“

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