Proteste
Ärzte legen Praxen lahm

Viele Patienten standen am Mittwoch vor verschlossenen Praxistüren. Tausende Hausärzte protestierten gegen die schwarz-gelbe Koalition, weil sie ein weiteres Honorarplus im kommenden Jahr begrenzen will.
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HB BERLIN. Tausende Hausärzte haben am Mittwoch mit Praxisschließungen protestiert, weil die Koalition ein weiteres Honorarplus im kommenden Jahr begrenzen will. Viele Patienten standen vor verschlossenen Türen.

Bei Großveranstaltungen in Essen und Sindelfingen wollten die Allgemeinärzte ihrem Ärger über die Sparpläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) Luft machen. Die Hausärzte wenden sich gegen das Vorhaben, dass neue Hausarztverträge in der Regel nicht mehr mit überdurchschnittlichen Honorarzuwächsen einhergehen sollen. Alte Abschlüsse sollen geschützt bleiben.

Während der Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr ist das Honorar der Ärzte in Deutschland auf die Rekordsumme von 30,8 Mrd. Euro gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2007 verdienten die rund 150 000 niedergelassenen Ärzte elf Prozent mehr, wie aus einer Erhebung des Verbands der gesetzlichen Krankenkassen hervorgeht. Sie lag der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch vor, auch die "Süddeutsche Zeitung" hatte darüber berichtet.

Den größten Zuwachs gegenüber 2007 erzielten die Ärzte demnach in Hamburg (+ 24,1 Prozent), gefolgt von Thüringen (23,6), Niedersachsen (20,6) und Sachsen-Anhalt (19,0). Selbst in Süddeutschland, wo die Ärzte Verluste befürchteten, legte das Honorar demnach zu: in Baden-Württemberg um 3,5 Prozent auf 3,9 Mrd. Euro und in Bayern um 2,6 Prozent auf 5,1 Mrd.

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe äußerte Kritik an den Streikaktionen. Prinzipiell habe er zwar Verständnis für den Protest, sagte Präsident der Bundesärztekammer der Essener „Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung“. Denn die Allgemeinmediziner seien „jahrelang die Aschenputtel in der ärztlichen Vergütungshierachie“ gewesen und fürchteten nun, es wieder zu werden.

Allerdings stelle er sich „wie viele die Frage, ob die Maßnahmen, die die Hausärzte jetzt ergreifen, angemessen sind“, sagte Hoppe nach Angaben der Zeitung.

Die Krankenkassen kritisierten die Proteste der Hausärzte scharf. "Damit verspielen die Hausärzte ihren Ruf bei den Versicherten und schaden dem Image des Arztberufes insgesamt", sagte der Vorsitzende des Verbands der Ersatzkassen, Thomas Ballast, am Mittwoch in Berlin. "Die Hausärzte verdienten im Jahr 2009 im Durchschnitt 8 300 Euro brutto im Monat zuzüglich Privateinnahmen - das ist ein Einkommen, mit dem man sehr gut leben kann."

Der Vizechef des Kassen-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, sagte: "Die Ausgaben für Arzthonorare steigen seit Jahren von Rekordniveau zu Rekordniveau, und auch für 2011 soll es nach dem Willen der Politik und der Ärzte schon wieder mehr geben." Finanzieren sollten dies die Beitragszahler. "Es gibt in Deutschland insgesamt weder zu wenig Ärzte noch zu geringe Arzthonorare - aber es gibt ein Verteilungsproblem, welches gelöst werden muss."

Die Ärzte dürften ihre Probleme nicht auf dem Rücken der Patienten austragen. "Kranke Menschen vor verschlossenen Türen stehen zu lassen, ist das falsche Mittel, um Eigeninteressen durchzusetzen."

Auch die Frauenärzte kritisierten ihre Kollegen. Mehr Geld für Hausärzte bedeute weniger Geld für Frauen- und andere Fachärzte - dabei sei der Hausarzt vieler Frauen der Gynäkologe. "Ein weiterer Anstieg der Honorare bei den Allgemeinärzten, wird in der Konsequenz zu einer Mittelkürzung bei anderen Arztgruppen führen", sagte Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte.

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  • Haha wie unsere investmentbanker,
    genauso gierig und tolldreist!
    ich hoffe mein Hausarzt steckt sich bei jeder meiner ab sofort hoffentlich häufigen tödlichen Krankheiten an.

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