Proteste gegen Castor
"Tschernobyl auf Rädern"

Der Castor-Transport hat Deutschland erreicht, ist hier aber bei vielen nicht willkommen. Tausende demonstrieren gegen den Transport, aber auch gegen die Atompolitik der Bundesregierung insgesamt. Mit harschen Sprüchen bringen sie ihren Unmut zum Ausdruck. Zum Beispiel Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo, der den Castor ein "Tschernobyl auf Rädern" nennt. Am Samstag verliefen die Proteste friedlich, doch noch hat der Zug sein Ziel nicht erreicht.
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HB DANNENBERG. Begleitet von massiven Protesten passierte der Zug mit elf Atommüllbehältern am Samstag bei Kehl die deutsch-französische Grenze. Zur selben Zeit protestierten im niedersächsischen Dannenberg Zehntausende Menschen gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Die Veranstalter sprachen von der größten Demonstration seit dem ersten Castor-Transport im Jahr 1995. Abgesehen von vereinzelten Rangeleien zwischen Atomkraftgegnern und Polizisten blieb es bis zum Abend friedlich. Kanzlerin Angela Merkel warnte gleichwohl vor Auswüchsen bei den Protesten.

"Mein Pony mag kein Atom und ich auch nicht", hat ein Mädchen auf sein knallgelbes Schild geschrieben. Zahlreiche Demonstranten tragen am Revers oder auf Plakaten das gelbe X - seit vielen Jahren das Symbol der Castor-Gegner. "Wir sind entsetzt, dass die Regierung die Atomkraft verlängern will", empört sich eine 71-jährige Dame aus Buchholz bei Hannover. Und ihre Freundin ergänzt: "Wir haben Enkelkinder, das kann man so nicht hinnehmen." So hieß es auch auf einem Transparent: "Schluss mit dem Atom-Geplänkel, sauberen Strom für Kind und Enkel."

An der zentralen Kundgebung in Dannenberg unter dem Motto "Mit Gorleben kommen sie nicht durch - Rote Karte für Atomkraft!" nahmen nach Angaben der Veranstalter mehr als 50 000 Menschen teil. Die Polizei nannte diese Zahl viel zu hoch und sprach von mehr als 10 000 Demonstranten. Den Organisatoren zufolge brachten allein über 400 Busse aus dem gesamten Bundesgebiet Atomkraftgegner nach Dannenberg. Hunderte Bauern fuhren mit ihren Traktoren in die Stadt und reihten sie am Rand der Kundgebung auf.

Einige Atomkraftgegner kündigten an, mit der Aktion "Castor? Schottern!" entlang der Bahnstrecke Löcher ins Gleisbett zu graben, um die Weiterfahrt des Zuges zumindest zu unterbrechen. Merkel warnte die Demonstranten vor Auswüchsen. "Ich sage ausdrücklich, Demonstrieren ist eine der schönsten Freiheiten, die eine freiheitliche Gesellschaft mit sich bringt", sagte sie in Bonn beim Landesparteitag der nordrhein-westfälischen CDU. Die Proteste müssten aber friedlich bleiben. Was so harmlos daherkomme, wie das sogenannte Entschottern, "das ist keine friedliche Demonstration, sondern eine Straftat".

Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo forderte in Dannenberg die Bundesregierung auf, ihre Energiepolitik zu ändern. Der Kanzlerin rief er zu: "Was Sie hierher bringen, ist Tschernobyl auf Rädern. Befreien Sie sich von der Tyrannei des 'Big Business'." Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg sagte: "Der Castor kommt, und die Demokratie geht."

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte Merkel auf, nach Gorleben zu fahren und sich gemeinsam mit den vier Chefs der Atomkonzerne der Diskussion mit den Demonstranten zu stellen. "Frau Merkel und ihre vier Freunde sind es, die einen gesellschaftlichen Großkonflikt wieder eröffnet haben, der durch den Atomausstieg längst befriedet war", sagte Gabriel der "Passauer Neuen Presse" (Samstagausgabe).

Die Castor-Behälter, die laut Polizei um 13.54 Uhr die Grenze passierten, enthalten insgesamt 154 Tonnen hochradioaktiven Müll aus deutschen Atomkraftwerken, die im französischen La Hague wiederaufarbeitet wurden. Nach der Ankunft im Verladebahnhof in Dannenberg sollen die Behälter auf Tieflader gehievt und die letzten rund 20 Kilometer auf der Straße ins oberirdische Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Dort wird der Atommüll-Transport am Montagmorgen erwartet.

Ob der Zeitplan eingehalten wird, war offen. Bereits kurz nach der Abfahrt in Valonges im Nordwesten Frankreichs hatten Atomkraftgegner sich an die Gleise gekettet und den Transport mehr als drei Stunden lang aufgehalten. Bei Kehl seilten sich zwei Greenpeace-Aktivisten von der Kinzig-Brücke ab, um eine Weiterfahrt des Zuges zu verhindern.

Am treffendsten mag da ein Mädchen die Gefühlslage beschreiben: Wie eine wandelnde Litfaßsäule steckte es in einer selbstgebastelten gelbe Atommüll-Tonne mit der Aufschrift: "Keiner will mich."

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  • Dass wir überhaupt diese Art von hochradioaktiven Abfall in Castor-behältern transportieren müssen, liegt auch daran, dass wir so veraltete Kraftwerkstypen haben. Hätten wir die schnellen brüter weiterentwickelt, würde viel weniger Müll anfallen.

  • Die Juden haben auch geglaubt
    Sie sind in Deutschland sicher.
    Jedes AKW ist eins zu viel
    Wir haben viel zu viel Strom.
    Aussage eines ehemaligen AKW brokdorf Mitarbeiters.
    Fernwärme wird nur zu 1% genutzt
    Der Rest wird in die Luft geblasen
    Trotzdem wird der Preis dauert erhöht.
    Glaubt der Merkel nicht
    Sie war auch in der DDR auf der Seite der SED.
    Heute unseren Ganoven.
    Sie redet Jedem zu Munde.
    Typisch Pastorentochter von Kasner
    den Stalinisten.

  • @ 3 weiße Tauben sch***** auf's Dach (29)

    „ich habe jetzt genug von dieser Schlammschlacht in der Schwachköpfe den Ton angeben.“

    Vielleicht schreiben Sie einmal einen, alle Schwachköpfe erhellenden Text, weshalb sie die, die hier kritisch schreiben für Schwachköpfe halten. Das wäre doch eine Maßnahme, finden Sie nicht?

    Schreiben Sie doch einmal darüber, welchen volkswirtschaftlichen Nutzen die alternaive Energie darstellt, wieviel z.b. die Herstellung einer kWh Offshore-Windstrom kostet und wie die volkswirtschaftliche bilanz bis 2030 aussähe, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, daß das EEG ersatzlos gestrichen würde.

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