Prozess gegen IS-Rückkehrer
Unbeabsichtigt IS-Terrorist?

Deutsch-Tunesier vor Gericht: Sie waren für den Islamischen Staat im Einsatz, das steht fest. Gestritten wird darüber, welche Motive die Angeklagten nach Syrien und in den Irak trieb. Ayoub B. hat seine eigene Version.
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CelleHinter einer Plexiglasscheibe sitzt Ayoub B.. Der junge Mann im weißen Hemd und mit schwarzen Löckchen verfolgt aufmerksam die Worte seines Anwalts, der seine Aussage vorliest. Über Dutzende Seiten zeichnet B. von sich selbst das Bild eines gutgläubigen Verlierers, der erst unwissentlich und später unter Zwang bei der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) mitmachte.

Der 27-Jährige muss sich seit Montag zusammen mit Ebrahim H. B. (26) vor dem Oberlandesgericht Celle dafür verantworten, zwischen Juni und Mitte August 2014 beim IS in Syrien und im Irak gewesen zu sein. Das geben die beiden jungen Männer aus der VW-Stadt Wolfsburg auch zu. Allerdings weist Ayoub B. von sich, aus eigenem Antrieb und Überzeugung gehandelt zu haben.

Gegenüber von Ayoub B. sitzt Claudia Gorf von der Bundesanwaltschaft. Nur vier schmale Fenster knapp unter der Decke lassen Licht in den speziell gesicherten Gerichtssaal. Vor dem Gebäude stehen Polizisten mit Maschinenpistolen. Gorf hält den beiden Deutsch-Tunesiern vor, die terroristischen Ziele des IS gefördert und im Internet für den Heiligen Krieg geworben zu haben.

Sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Die beiden Angeklagten seien im Sommer 2014 nach Deutschland zurückkehrt, „ohne ihre ideologische Übereinstimmung mit dem IS aufgegeben zu haben.“ Beide Angeklagten haben sich mittlerweile öffentlich vom IS distanziert.

Ayoub B. schildert vor Gericht, er habe Probleme in der Schule gehabt, musste auf die Hauptschule wechseln. „Weil ich überfordert war.“ Er habe Gras geraucht und rumgehangen. „Ich war das Sorgenkind meiner Familie.“ Später arbeitete er als Zeitarbeiter bei VW, das Gehalt aber verspielte er. Er habe getrunken und Kokain konsumiert.

„Beten war mir fremd“, sagt Ayoub B. „Wir hatten mit Religion nichts zu tun“, sagte auch Ebrahim H. B. in einem Fernseh-Interview, das er vor einigen Wochen im Gefängnis gab. Die beiden Männer waren in Wolfsburg an radikale Islamisten geraten. Die Gruppe gibt Halt. „Wir schaukelten uns gegenseitig hoch.“ Wer ist der strengste Muslim?

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„Es war keine Rede vom kämpfen“

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  • Von einem unbeabsichtigten IS Terroristen kann wohl kaum die Rede sein. Der Artikel schildert die typische " Karriere " eines IS Kämpfers, der zwar als Verlierer zu betrachten ist, allerdings nicht aufgrund fehlender Integrationsangebote in Deutschland, sondern allein aufgrund mangelnder Selbstdisziplin sowie seines fehlenden Ehrgeizes, etwas aus seinem Leben zu machen. Vom radikalen Islamismus fühlen sich solche Leute schon deshalb angezogen, weil diese " Religion " ihnen die Mühe des Nachdenkens über das eigene Tun abnimmt und ihnen zugleich das Gefühl der Überlegenheit vermittelt. Die Einlassung, er sei sich bei seinem " Beitritt " zum IS nicht darüber im klaren gewesen, was auf ihn zukomme, ist absolut unglaubwürdig und läßt vielmehr erkennen, daß dieser IS Terrorist auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland nichts dazugelernt hat und weiterhin jede Selbstreflektion vermissen läßt. Dafür spricht auch sein gesamtes Verhalten einschließlich der Werbung für den IS nach seiner Rückkehr.

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