RAF-Terror
Im gepanzerten Leben

Deutschland debattiert über die Begnadigung des Terroristen Christian Klar. Was aber denken die Unternehmer, die damals ins Fadenkreuz der RAF gerieten? Eine Handelsblatt-Reportage über Leichtsinn, Angst und Wehrhaftigkeit.

BERLIN. Der Mann ist hellhörig. „Das ist erschreckend, das ist O-Ton RAF!“ entfährt es ihm. Dieter Spethmann (80) kennt nicht nur vom Hörensagen, was so grausam vertraut klingt. In den 70er-Jahren, „im deutschen Herbst“, lebte er als Vorstandschef des mächtigen Thyssen-Konzerns mit „Sicherheitsstufe 1“. Den Terroristen der „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF) galt Thyssen als Fortsetzung der einstigen Nazi-Schmiede, und er selber galt als hochgefährdeter Repräsentant des „Schweinestaates“, den die RAF mit Waffengewalt bekämpfte. Jetzt hört er wieder den O-Ton von damals: „imperiales Bündnis“, „Zurichtung für die Neuverteilung“, „gesellschaftliche Trümmerhaufen“. Spethmann: „Nach 24 Jahren Gefängnis hat der Staat keine Läuterung bei Klar bewirkt.“

Tags zuvor, am Montag, wurde die Grußadresse des fünfmal zu lebenslang verurteilten Christian Klar an die Rosa-Luxemburg-Konferenz bekannt. Darin formuliert der Ex-Killer der RAF, der den Bundespräsidenten um Gnade und vorzeitige Entlassung bittet, die Hoffnung, die „Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden“. Im brachial verquasten Kauderwelsch der RAF feiert die Vergangenheit der Mörder ihre Wiederkunft.

Diese Vergangenheit ist tödlich. 34 Menschen hat sie das Leben gekostet. Überlebende der „bleiernen Zeit“ wollen das nicht vergessen. Auch nicht, dass man es den Mördern manchmal zu einfach gemacht hat.

Karlsruhe, 7. April 1977, früher Vormittag: Generalbundesanwalt Siegfried Buback wird in seinem Dienstwagen nach Karlsruhe chauffiert. Als sein Auto an einer roten Ampel in der Innenstadt stoppt, preschen zwei Männer mit einem Motorrad heran. Sofort eröffnet der Sozius mit einer Maschinenpistole das Feuer. Der Chefankläger der RAF und sein Fahrer sterben am Tatort, ein mitfahrender Justizangestellter erliegt später den Verletzungen. Der Dienstwagen des als hochgefährdet eingestuften Buback war nicht gepanzert.

Oberursel, 30. Juli 1977, 17 Uhr. Die Mörder kommen mit einem Strauß Rosen – und zwei Pistolen. Mit dem Satz „Hier ist die Susanne“ verschafft sich Jürgen Pontos Patentochter Susanne Albrecht Zutritt zur Villa des Dresdner-Bank-Chefs. Mit zu Besuch: das RAF-Kommando Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Sie wollen Ponto entführen. Als sich der Bankier wehrt, eröffnet Klar sofort eiskalt das Feuer auf den 53-Jährigen. Ponto hatte keine Personenschützer.

Köln, 5. September 1977, später Nachmittag: Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wird im Mercedes 450 vom Büro zur Wohnung in Köln-Braunsfeld gefahren. Plötzlich rollt ein blauer Kinderwagen auf die Straße, die Karosse bremst ab. Nur Sekunden später sterben der Fahrer und drei Polizisten im Kugelhagel aus Pistolen, Revolvern und Maschinenpistolen der vier RAF-Terroristen. Sie entführen ihr Opfer, um es 44 Tage später hinzurichten. Der Mercedes des Mannes, den die Polizei als höchst gefährdet einstufte, hatte keine verstärkten Bleche.

Neun Jahre später, Straßlach, 9. Juli, nachmittags. Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts und sein Fahrer passieren einen Baum. Eine gewaltige Detonation reißt den Wagen in Stücke. Die RAF hat dort einen Sprengsatz abgestellt und zeitgenau gezündet. Auch Beckurts hatte einen normalen Dienstwagen. Noch immer machte man es den Mördern zu einfach.

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