Rauchverbot in Zügen
„Aber ich habe Kaugummis dabei“

Seit dem heutigen 1. September gilt ein komplettes Rauchverbot in deutschen Fernverkehrszügen. Die Reaktionen der rauchenden Bahn-Reisenden überraschen - sie bleiben gelassen. Verärgert reagieren allerdings die Bahnmitarbeiter auf das Rauchverbot.

HB FRANKFURT. 10.15 Uhr: Auf Gleis 6 läuft ein InterCity ein, der Reisende vom Ruhrgebiet in den Süden der Republik bringt. Bei dem zehnminütigen Halt am Main steigen aber nicht nur Passagiere aus, die ihr Ziel erreicht haben oder umsteigen wollen: Begehrt sind heute besonders die Raucherecken - denn seit dem 1. September darf in den Fernverkehrszügen der Bahn nicht mehr gequalmt werden. Lediglich in bestimmten Zonen auf den Bahnsteigen dürfen die Glimmstängel weiterhin glühen. Und diese Raucherzonen gibt es nur noch auf den Bahnsteigen von 330 größeren Bahnhöfen. „Kein Problem“, sagt ein Pensionär auf der Fahrt von Köln nach Würzburg. „Die vier Stunden, die ich unterwegs bin, muss ich eben in Sackbahnhöfen wie Frankfurt unterbrechen.“

An diesem ersten Tag stören sich die meisten Raucher nicht an der neuen Regelung. Ob in Berlin, Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg - überall gibt es positive Reaktionen, nicht nur von Nichtrauchern. „Ich hasse es, in verqualmten Abteilen zu sitzen“, sagt die 19 Jahre alte Mieke Kraft und zieht am Bahnhof Hamburg-Altona an ihrer Zigarette. „Lange Fahrten überstehe ich gut, weil ich keine Kettenraucherin bin.“ Ähnlich geht es Sabrina Dühmke. „So süchtig bin ich nicht, das kann man aushalten“, erklärt die 21-Jährige. Kritik kommt aber vom Fahrgastverband Pro Bahn. Verbandspräsident Karl-Peter Naumann warnt vor ärgerlichen Folgen: „Starke Raucher werden auf die Toiletten ausweichen.“ Das habe sich schon in den Regionalzügen gezeigt, nachdem dort Anfang Juli die Raucherabteile abgeschafft worden seien. „Kleine Raucherzellen“ mit einer starken Entlüftung - sowohl in Zügen als auch auf Bahnsteigen - wären seiner Meinung nach die bessere Lösung gewesen. Damit würde auch vermieden, dass die Reisenden vor den Bahnhöfen rauchen und die Kippen dort wegwerfen.

Von Zwischenfällen oder Beschwerden ist der Deutschen Bahn aber bis zum Nachmittag nichts bekannt. Mit dem Verlauf des ersten Tages zeigt sich das Unternehmen zufrieden. Die Raucherabteile der Züge würden nun gründlich gereinigt, die Rauchersymbole entfernt, sagt eine Sprecherin. Am Stuttgarter Hauptbahnhof zieht Michael Tatge vor der Abfahrt ein letztes Mal kräftig an seiner Zigarette. „Während der Fahrt muss man sich halt beherrschen.“ Eine andere Möglichkeit sieht er nicht: „Ich habe keine Alternative.“ Auch Jörg Lohmann will weiter die Bahn nutzen. Sein Mittel: Sich vor einer Reise einen kleinen Nikotinvorrat „anrauchen“. Und Jonas Müller-Wielsch hat auf seiner zweistündigen Fahrt aus Freiburg den neunminütigen Zwischenstopp in Karlsruhe intensiv genutzt. „Die Umsteigezeit reicht für eine schnelle Kippe“, sagt der 23-Jährige.

Pro Bahn-Vorstand Naumann bezweifelt aber, dass die Rauchenden Fahrgäste sich weiterhin so sehr beherrschen können. Etwa die Hälfte aller Raucher unter den Bahnfahrern werde künftig für längere Fahrten auf die Bahn verzichten, prophezeit er. So wie Peter Leinweber, der nur zum Abholen zum Stuttgarter Bahnhof gekommen ist: „Das Rauchverbot ist für mich ein Grund, nicht mit dem Zug zu fahren.“ Diese Möglichkeit haben Rauchende Bahn-Beschäftigte nicht, vielleicht sind deshalb unter den uniformierten Service-Kräften die Beschwerden am lautesten. „Das ist anmaßend“, schimpft ein Mitarbeiter in Frankfurt. Solche Stimmen sind in allen Städten zu hören. „Ich finde das überhaupt nicht gut“, sagt eine Schaffnerin, kurz bevor ihr ICE Berlin in Richtung Stuttgart verlässt. „Aber ich habe Kaugummis dabei“, ruft sie noch, bevor sich die Tür schließt.

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