Reaktionen zum TV-Duell
„So nicht noch einmal!“

Nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerkandidat Martin Schulz und Bundeskanzlerin Angela Merkel melden sich etliche Stimmen zu Wort: Lob überquert kaum eine Parteigrenze, Kritik hagelt es dafür nicht nur aus der Politik.
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Berlin/Dresden/Schwerin/Mainz/Hamburg/Kiel/MünchenDas Format des TV-Duells im Bundestagswahlkampf ist aus Sicht des Medienwissenschaftlers Bernd Gäbler in seiner jetzigen Form überholt. „Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Format „TV-Duell“ an Haupt und Gliedern reformiert werden muss, dann wurde er in diesem Jahr endgültig geliefert: Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung“, sagte der Professor für Journalistik aus Bielefeld. Fast alle wichtigen Zukunftsfragen, vor denen Deutschland stehe, seien ausgeklammert worden.

„Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell“, so Gäbler. „In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine große Koalition jederzeit wieder möglich ist.“

Der Journalistik-Professor kritisierte auch die Moderatoren der vier Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1: „Die viel zu zahlreichen Moderatoren traten in einen Überbietungswettbewerb, beide Politiker ausschließlich mit Fragen zu traktieren, wie sie von rechts gestellt werden. Der Wähler, um den es ja angeblich gehen soll, schaute im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.“ Er sei in die Rolle eines ungefragten Zuschauers gedrängt gewesen. „Der Appell an die übertragenden Sender kann nur lauten: So nicht noch einmal!“

Kritisiert wurde aber nicht nur Format und Ausführung des TV-Duells. Enttäuscht zeigten sich vor allem Vertreter kleinerer Parteien. Man habe „ein Trauerspiel gemeinsamer Ideenlosigkeit gesehen“, sagte Linke-Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn am Abend nach der Debatte im ZDF.

Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner sprach von „zwei Umweltversagern“. Auch „völkischer Hass“ in der Gesellschaft, der zum Teil von einer Partei rechtsaußen geprägt werde, sei nicht thematisiert worden, sagte er mit Blick auf die AfD.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer kritisierte, über Digitalisierung und Bildung sei nicht gesprochen worden. FDP-Chef Christian Lindner zeigte sich ebenfalls enttäuscht: „Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss“, sagte Lindner der Deutschen Presse-Agentur. „Das war mehr Vergangenheitsbewältigung als eine Debatte über die Zukunft unseres Landes. Kein Wort über die großen Herausforderungen unseres Landes wie Bildung, Digitalisierung, Euro und Innovation.“

Lindner fügte hinzu: „Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt, das Rennen um die Plätze eins und zwei ist gelaufen. Das Rennen um Platz drei gewinnt dadurch weiter an Bedeutung.“ Denn die drittstärkste Kraft werde entweder ein besonderes Gewicht bei Koalitionsgesprächen haben. Oder die dritte Kraft werde der Oppositionsführer gegen die nächste große Koalition sein. „Das Duell hat nochmals gezeigt, dass eine Opposition mit mehr Esprit und Dynamik dringend nötig ist“, argumentierte der FDP-Chef.

AfD-Vorstandsmitglied Georg Pazderski sagte, es seien keine Lösungen für Probleme angeboten worden. AfD-Chefin Frauke Petry kritisierte das TV-Duell als belanglos. „Ich habe trotz überraschend kritischer Fragen der Journalisten noch nie in 90 Minuten so viele Plattitüden und Phrasen auf einen Haufen gehört, so viel Oberflächliches und Belangloses am Stück“, sagte die Bundes- und sächsische Landesvorsitzende nach dem Aufeinandertreffen. „Für Deutschlands Zukunft verheißt das nichts Gutes. Am besten gefiel mir Merkels Satz - ausgerechnet von ihr zu hören: 'Es zählt nur, was Parteien als Ganzes beschließen.'“

Der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner twitterte, „bei Erdogan und der Türkei ist Martin Schulz mit klaren Worten, Frau Merkel mit abwiegelnden Formulierungen unterwegs“. Das TV-Duell zeige glasklar: „Merkel will wenig anders, nichts besser und das meiste am liebsten gar nicht machen“, fügte Stegner hinzu. „Klare Ansagen von Martin Schulz zum Thema soziale Gerechtigkeit bei Arbeit, Bildung, Familie, Mieten, Rente. Merkel schwurbelt.“

Einen kräftigen Schub für den Endspurt im SPD-Wahlkampf erwartet die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „Ich bin sehr zufrieden mit unserem Spitzenkandidaten Martin Schulz, er war sehr klar in allen Fragen“, sagte Dreyer. „Die Bürger konnten so den Eindruck gewinnen, dass Martin Schulz die Durchsetzungskraft und die Kompetenzen hat, Kanzler zu werden.“ Dreyer hatte im vergangenen Jahr einen monatelangen CDU-Vorsprung in den Umfragen in den letzten Tagen vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz noch umkehren können.

Dreyer hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, sich im TV-Duell zweimal von Ministern der eigenen Partei distanziert zu haben - bei der Rente mit 70 von Finanzminister Wolfgang Schäuble und beim Familiennachzug für Flüchtlinge von Innenminister Thomas de Maizière. Schulz habe deutlich gemacht, „dass wir eine humane Flüchtlingspolitik und das Menschliche im Blick behalten müssen“.

Auf die Frage, warum Schulz bei der Frage nach einer Koalition mit der Linken so ausweichend gewesen sei, antwortete Dreyer: „Ich kann gut verstehen, dass er sich nicht reduzieren lassen will auf die Koalitionsfrage“, antwortete Dreyer. „Er kämpft darum, dass die SPD stärkste Partei wird, alles andere kommt danach.“

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) lobte den Auftritt des Kanzlerkandidaten ihrer Partei. „Martin Schulz hat seine Chance genutzt“, urteilte sie. Er habe Klartext geredet und konkret gesagt, wofür die SPD stehe: für Investitionen in Bildung und kostenlose Kitas, für mehr Gerechtigkeit und für europäische Solidarität. Schwesigs Fazit des eineinhalbstündigen TV-Duells mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Martin Schulz hat gezeigt, dass er Kanzler kann.“

Auch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz stellte Schulz ein gutes Zeugnis aus. Schulz habe kompetent, präzise und überlegt deutlich gemacht, vor welchen Herausforderungen Deutschland stehe, und wie er sie angehen wolle, sagte Scholz. „Deutschland muss gerechter werden und gleichzeitig auf dem Wachstumspfad bleiben. Wir brauchen höhere Löhne und eine auskömmliche Rente.“

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  • Mal ehrlich. Das TV-Duell (schon das Wort "Duell" ist falsch, denn hier duellieren sich nicht die Protagonisten sondern sie legen ihre Ansichten dar, wenn sie vernünftig danach gefragt werden, zeigt aber, was die Journaille gerne hätte) ist so unnötig wie ein Kropf. Wenn man auch nur annähernd das erfahren möchte, was die Kandidaten bzw. Parteien umsetzen wollen, kommt man nicht umhin, die Parteipramme zu lesen. Ohne diese Mühe kein wirkliches Wissen und keine vernünftige Entscheidungsgrundlage. Und mit d i e s e n Moderatorinnen kann so eine Aktion sowieso nur schief gehen.

  • Selbst LIDL ordnet sich unter.

    Es ist bis jetzt wahrscheinlich Niemandem aufgefallen – aber LIDL hat bei allen Produkten, bei denen üblicherweise ein christliches Kreuz zu sehen ist, in der Werbung rigoros entfernt.

    Man darf gespannt auf die nächste Werbeaktion sein, die eine „türkische Woche“ zum Gegenstand hat.


    Vielleicht überlegt auch „Jägermeister“ die Sache mit dem „Kreuz“?

  • @ Anno Nymicus

    Ich kann über die gestrige Giganten-Runde (das letzte Aufgebot?) nichts Schlechtes berichten.

    „….In der Realität allerdings idR gegen Deutsche,….“

    Das ist doch völlig logisch, wo es doch noch so viele Deutsche gibt, denen man ordentlich den Kopf (nebst Inhalt) waschen muss – wenn nötig, eben auch mit Wasserwerfern.

    „…Richtig: Bananenrepublik….“

    Sind Sie noch ganz Banane, solch einen Ausdruck zu verwenden?

    Wissen Sie denn gar nicht, dass Sie inzwischen mit Allem, was sich im Zusammenhang mit Bananen und Staat bisher so schön vermitteln ließ, strafrechtlich belangt werden können.

    Jüngst geschehen in Dresden, als einem Rentner, der seit längerem mit einer Deutschlandfahne, die statt Hammer & Sichel mit appetitlichen (West?)Bananen verziert war, dieses „staatsverachtende“ Stück Meinungsfreiheit weggenommen wurde, seine Personalien öffentlichkeitswirksam (zur allgemeinen Abschreckung) festgestellt wurden und nun ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen ihn eingeleitet wurde.

    „…welche gerne bereit ist die eigene Bevölkerung der Fremdländischen unterzuordnen,…“

    Beispiel für das Handeln der Staatsgewalt in diesem Sinn gefällig?

    Das LG Dresden hat den Haupttäter wg. versuchten Mordes und faktischer Körperverletzung bei einem Angriff auf Ausländer, sowie versuchter Strafvereitelung und Zeigen des Hitlergrußes zu 9 Jahren und 10 Monaten Haft verurteilt.

    Im Vergleich dazu:

    Ein Deutscher wurde Todesopfer des Türken Cihan A.. Tathergang im Vergleich: versuchter Mord mit Todesfolge – also Mord.

    Ein Deutscher wurde Todesopfer eines Marokkaners. Tathergang im Vergleich: versuchter Mord mit Todesfolge – also Mord.

    Im Oktober 2012 wurde Jonny K. zu Tode geprügelt. Die Mörder, vier junge Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren, jeweils mit Migrationshintergrund.


    Keiner dieser ausländischen Mörder erhielt eine vergleichbare Haftstrafe wie der Deutsche für die „Körperverletzung“.

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