Reallöhne
Sinkende Preise werten Lohnabschlüsse auf

Wenn die Löhne in den vergangenen Jahren stiegen, wurden diese Lohnsteigerungen meist durch die Inflation aufgefressen. Doch weil die Verbraucherpreise derzeit sinken, steigt die Kaufkraft der Arbeitnehmer - vorausgesetzt, ihre Einkommen werden nicht durch Kurzarbeit geschmälert.

BERLIN. Im vergangenen Jahr waren die von den Gewerkschaften durchgesetzten Tarifsteigerungen noch fast vollständig durch die Inflation wieder aufgezehrt worden – diesmal hingegen winkt den Arbeitnehmern zumindest auf dem Papier ein ansehnliches reales Plus von mehr als 2,5 Prozent. „Angesichts der aktuellen Inflationsdaten könnte die tarifliche Reallohnsteigerung sogar noch etwas höher ausfallen als zur Jahresmitte erwartet“, sagte Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, dem Handelsblatt. In seiner kürzlich vorgelegten Zwischenbilanz hatte Bispinck für das Gesamtjahr 2009 noch Tarifsteigerungen von durchschnittlich drei Prozent und eine Inflationsrate von 0,5 Prozent erwartet.

Tatsächlich verdichten sich nun aber die Anzeichen, dass die Teuerung im Jahresmittel sogar noch etwas niedriger ausfallen könnte. Wie das Statistische Bundesamt gestern mitteilte, sind die Verbraucherpreise im Juli gegenüber dem Vorjahresmonat sogar um 0,5 Prozent gesunken. Damit fiel der Rückgang zwar um 0,1 Prozentpunkte schwächer aus als die Statistiker in ihrer ersten Hochrechnung vor zwei Wochen ermittelt hatten. Es bleibt aber dabei, dass die Preise nun zum ersten Mal seit 22 Jahren gesunken sind. Für das Gesamtjahr erwartet daher etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine durchschnittliche Teuerung von nur noch 0,2 Prozent.

Da eine Reihe aktuell wirksamer Tariferhöhungen noch 2008 vereinbart wurde, schlagen sich die Folgen der Wirtschaftskrise bisher zumindest in den nominalen Abschlussraten kaum nieder. Im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen gilt etwa ein Tarifvertrag aus dem vergangenen Jahr, der für 2009 Steigerungen von drei Prozent vorsieht. In der Metall- und Elektroindustrie erkämpfte die IG Metall für dieses Jahr noch im November 2008 Zuwächse in zwei Stufen von je 2,1 Prozent.

Zwar könnten die im weiteren Jahresverlauf anstehenden Tarifrunden etwas schwächer ausfallen und so die durchschnittliche Steigerungsrate noch knapp unter die Drei-Prozent-Marke drücken, erwartet Bispinck. Doch selbst dann bliebe real immer noch ein „deutliches Plus“. Im vergangenen Jahr hatten die Gewerkschaften nach seinen Berechnungen zwar ebenfalls durchschnittliche Tariferhöhungen von 2,9 Prozent erreicht. Da aber parallel die Preise um 2,6 Prozent stiegen, blieb letztlich real nur ein Plus von 0,3 Prozent.

Was von den realen Tariferhöhungen in diesem Jahr tatsächlich bei den Arbeitnehmern ankommt, dürfte sich nach Einschätzung Bispincks allerdings je nach Wirtschaftsbereich stark unterscheiden. Auf den Punkt gebracht: Die größten Profiteure der krisenbedingt niedrigen Inflationsrate werden wohl die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes sein. Demgegenüber werden die Effektivverdienste in der Industrie gleichzeitig stark durch Kurzarbeit und Überstundenabbau geschmälert – nur werden diese Einbußen durch die niedrige Inflation immerhin entschärft.

Nach einem neuen Reallohnindex des Statistischen Bundesamts waren die tatsächlich gezahlten Bruttolöhne im ersten Quartal 2009 real um durchschnittlich 0,4 Prozent niedriger als im Vorjahresquartal. Das liegt besonders daran, dass die bezahlte Wochenarbeitszeit im verarbeitenden Gewerbe um durchschnittlich 4,2 Prozent sank. Trotz höherer Tariflöhne und stabiler Preise hatten die Industriebeschäftigen daher brutto weniger in der Tasche als zuvor. Fachleute sprechen von einer starken „negativen Lohndrift“.

Im öffentlichen Dienst gibt es dieses Phänomen dagegen kaum. Zum einen spielt das Instrument der Kurzarbeit bei den staatlichen Arbeitgebern naturgemäß praktisch keine Rolle. Zum anderen haben die öffentlichen Arbeitgeber nach wie vor eine besonders hohe Tarifbindung. Selbst wenn sie unter den Lasten hoher Lohnabschlüsse ächzen, entziehen sich dem nur wenige durch Flucht aus dem Flächentarif.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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