Rechnungslegungsstandards
Bilanzexperten in der Kritik

Mit dem ersten Entwurf für neue Rechnungslegungsstandards für Finanzinstrumente ist Bundesjustizministerin Brigitte Zypries noch nicht zufrieden. Gemeinsam mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat sie einen kritisch Brief an die verantwortliche Behörde IASB geschrieben. Darin fordern sie, bei der Reform auf „ökonomisch sinnvolle Lösungen“ zu achten.

BERLIN. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sieht noch „erheblichen Änderungsbedarf" bei dem im Juli vorgelegten Entwurf für neue Rechnungslegungsstandards für Finanzinstrumente. Dafür war das International Accounting Standards Board (IASB) verantwortlich. Im Kern geht es darum, wie Derivate, Anleihen oder Verbriefungen bilanziert werden sollen. „Unsere Sorge ist, die vorgeschlagenen Regelungen führen eher zu einer Ausweitung der ergebniswirksamen Zeitbewertung (Fair Value) und damit zu volatileren Bilanzen und eventuell prozyklischen Wirkungen“, kritisierte Zypries gegenüber dem Handelsblatt.

Die Fair Value-Bewertung sollte daher auf ein angemessenes Maß begrenzt werden. Auch der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV), Eckhard Ott, findet deutliche Worte: „Die Vorschläge des IASB enttäuschen auf ganzer Linie. Was der IASB hier vorlegt, führt direkt in ein Bilanzierungschaos“, so Ott.

Gemeinsam mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat Zypries einen sehr kritisch gehaltenen Brief an den IASB-Chairman Sir David Tweedie geschrieben. Er liegt dem Handelsblatt vor. Darin wird der Chef des internationalen Standardsetters für Rechnungslegung aufgefordert, bei der Reform stärker auf „ökonomisch sinnvolle Lösungen“ zu achten.

In einem parallel verfassten Brief an EU-Wettbewerbskommissar Charlie McCreevy fordern die beiden Minister zudem Unterstützung der Kommission bei der Auseinandersetzung mit dem IASB. Substanzielle Änderungen an den IASB-Vorschlägen seien erforderlich, „wenn es der EU möglich sein soll, an der vollständigen Übernahme der International Financial Reporting Standards (IFRS) in das Europäische Recht festzuhalten“, heißt es drohend.

Im Mittelpunkt der Kritik steht der International Accounting Standard (IAS) 39. Hier ist die Bewertung von Finanzinstrumenten geregelt. Dabei soll im Grundsatz das „Fair Value“-Prinzip gelten, also die Bewertung von Wertpapieren zum jeweiligen Marktwert. Da im Zuge der Finanzmarktkrise sehr viele Wertpapiere nicht sehr liquide waren, gab es einen unrealistischen Zeitwert. Die Folge waren spiralförmige Beschleunigungen nach unten – fallende Marktwerte führten zu steigenden Wertberichtigungen. Der IASB versuchte hier im Oktober 2008 entgegenzuwirken, indem Wertpapiere umklassifiziert werden konnten. Das sollte die Abschreibungslast mindern.

Nach den jüngsten IASB-Vorschlägen soll die Bewertung nur noch nach zwei Kategorien erfolgen: nach Anschaffungskosten oder nach Marktwert. Nach Anschaffungskosten könnten nur noch zinsbringende Papiere oder Kredite bewertet werden. Aktien und komplizierte Wertpapiere wie Derivate müssten zum Marktwert bewertet werden.

Zypries und Steinbrück plädieren nun dafür, sich bei den Zuordnungskriterien nicht an den Eigenschaften eines Finanzinstruments zu orientieren. Ein prinzipienorientierter Ansatz sollte vielmehr am Geschäftsmodell des jeweiligen Unternehmens sowie an der Halte- und Handelsabsicht ansetzen. Die Bewertung nach dem Fair Value-Prinzip scheine insbesondere für Handelsaktivitäten und aktive Märkte geeignet.

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