Rechtschreibreform
Rat soll neuer Sprachwächter werden

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird um die neue deutsche Rechtschreibung gerungen. Zukünftig könnte ein amtlicher Sprachwächter über neue Schreibweisen oder Rechtschreibregeln beraten und diese verbindlich einführen. Doch das Vorhaben wird mehr und mehr zum Politikum.

HB BERLIN/METTLACH. Einst oblag es dem privat-wirtschaftlich organisierten Duden-Verlag, neue Schreibweisen peu à peu in den regulären Sprachgebrauch einzuführen. Mit dieser Praxis hat die Rechtschreibreform gebrochen. Doch wer soll nun künftig über Neuerungen der Rechtschreibung entscheiden, wenn sich nach offizieller Einführung der Reform in allen Bundesländern der allgemeine deutsche Sprachgebrauch weiterentwickelt?

Nach dem Wunsch der Kultusminister soll der Rat für deutsche Rechtschreibung "den Schriftgebrauch der deutschen Sprache beobachten und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Rechtschreibung erarbeiten." Der Rat war nach heftiger Kritik an der Rechtschreibreform von der Kultusministerkonferenz ins Leben gerufen worden. Das Gremium hatte im Dezember 2004 seine Arbeit aufgenommen und die bisherige "Zwischenstaatliche Kommission" abgelöst. Dieser gehörten auf deutscher Seite ausschließlich Sprachwissenschaftler an, die die Reform befürworteten.

Künftig würde also nicht mehr die Kultusministerkonferenz (KMK) das letzte Sagen haben, sondern der von ihr eingesetzte Rat könnte das Recht erhalten, verbindliche Änderungen vorzuschagen und zu beschließen. Die Kultusminister selbst möchten angesichts des jahrelangen Theaters um ihre missglückte Reform offenbar weiteren Gesichtsverlust vermeiden und suchen nach einem glücklichen Ausstieg aus dem Desaster.

Das Expertengremium, geleitet vom früheren bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) und inzwischen bestückt mit Gegnern wie Befürwortern der Reform, könnte dabei die Rolle eines neuen deutschen amtlichen Sprachwächters einnehmen. Der Rat könnte aber auch eine vollständige Reform der Reform einleiten, was sich immer noch viele Reformgegner wünschen dürften.

Dem Rat gehören Sprachwissenschaftler, Vertreter von Verlagen, von Schriftsteller- und Journalistenverbänden, Lehrerorganisationen sowie des Bundeselternrats an. Die Mitglieder kommen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie aus Liechtenstein und Bozen-Südtirol. Von deutscher Seite gehören ihm 18 Mitglieder an.

Doch der mögliche neue Sprachwächter wird mehr und mehr zum Politikum. Hinter den Kulissen ziehen Niedersachsen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) und dessen bayerischer Amtskollege Edmund Stoiber (CSU) ihre Fäden. Zwar weigerte sich Wulff, die endgültige Einführung der Rechtschreibreform auch in seinem Bundesland noch einmal um ein weiteres Jahr zu verschieben. Doch unverdrossen strebt er jetzt nach dem Langziel, die KMK bei der Rechtschreibreform künftig gänzlich auszuhebeln. Zugleich möchte er den Reformgegnern im Rechtschreibrat die Türen ganz weit öffnen.

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