Reform der Hochschulen
Augen zu und durch

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Wenn am Freitag der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft bei der Exzellenzinitiative die neuen Sieger-Unis küren, wird für jedermann sichtbar in den Abendnachrichten das Bewerberfeld in Gewinner und Verlierer geteilt. Das 1,9 Milliarden Euro schwere Spektakel belohnt Unis für vielversprechende und gut organisierte Forschungsprojekte. Die besten dürfen sich das Elite-Uni-Mäntelchen überwerfen, bekommen zusätzliche Millionen.

Was nicht sofort ins Auge springt, ist der kulturelle Wandel, den das Deutschland-sucht-die-Super-Uni-Projekt erzeugt: Sportsgeist flammt auf, Ehrgeiz wird angestachelt, fachfremde Wissenschaftler strengen sich gemeinsam an. Nicht das Preisgeld sei entscheidend, sondern „die Wettbewerbskultur“, sagt NRW-Minister Pinkwart. „Elite und das Bekenntnis zu Leistung“, glaubt er, „werden wieder etwas ganz Normales.“

Noch bedeutender ist die Autonomie und mit ihr die gewaltigen Umbrüche im Innern der Universitäten, in den Rektoratsstuben, Dekanaten und Fakultäten. Je mehr Bundesländer ihre Hochschulen in die Freiheit entlassen, desto stärker entwickelt sich ein wettbewerbliches System. Hessen machte mit der TU Darmstadt den Anfang. Die niedersächsischen Stiftungs-Unis genießen ebenfalls ihre Unabhängigkeit.

Am weitesten geht bisher Nordrhein-Westfalen mit seinem Hochschulfreiheitsgesetz. An Rhein und Ruhr können die 33 Hochschulen Personal einstellen, investieren oder ihre Liegenschaften verwalten, ohne dass das Ministerium hereinregiert. Leistet eine Hochschule Überdurchschnittliches, holt sie etwa besonders viele Drittmittel oder produziert besonders wenig Abbrecher, gibt es zusätzliches Geld. Das gesamte Management einer Hochschule wird durch dieses Anreizsystem zu unternehmerischerem Denken angehalten.

Erstaunliches kommt dabei zutage: Die Riesen-Uni in Köln mit ihren 44 000 Studenten führte ein Online-Buchungssystem für Hörsäle ein und stellte überrascht fest, dass einige Fakultäten ihre Vorlesungen zu unterschiedlichen Zeiten beginnen, was Leerlaufzeiten zur Folge hatte. Die Verwaltung synchronisierte die Anfangszeiten, verbesserte damit die Auslastung der Räume um 16 Prozent – und spart so Mietkosten.

Der Wettbewerb bereitet auch den Boden für eine emotionalere Bindung an die Hochschule. Früher waren Universitäten kaum mehr als ein rechtliches Gefäß, seelenlos, eine zufällige Ansammlung von Lehrstühlen. Heute mühen sie sich um ein Profil, einen inhaltlichen Schwerpunkt, einen Markenkern. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Sie müssen sich von ihren Konkurrenten absetzen, wollen sie Drittmittelgeber überzeugen, gute Professoren und Studenten anlocken oder Top-Forscher halten.

Diese Entwicklung freut nicht jeden. Der neue „akademische Kapitalismus“, behauptet der Bamberger Soziologe Richard Münch, gefährde die Vielfalt des Wissens. Tatsächlich: Schon jetzt bildet sich mehr und mehr eine wissenschaftliche Business Class heraus, die drittmittelstarken technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge hängen die Geistes- und Sozialwissenschaften ab. Nischenstudiengänge werden es künftig schwerer haben.

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