Reform der Hochschulen
Augen zu und durch

Bachelor, Master, Exzellenzinitiative, Studiengebühren, Auswahlverfahren: Überall an deutschen Unis wird derzeit entrümpelt, reformiert und experimentiert. In einem beispiellosen Kraftakt erfinden sich die Hochschulen neu. Das wird auch höchste Zeit.
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Für diesen Moment hat Sascha Spoun, Präsident der Universität Lüneburg, anderthalb Jahre lang geschuftet. Hat sich Konzepte ausgedacht, den Mund fusselig geredet, mit Kritikern gezankt. Jetzt ist das Gröbste überstanden, jetzt beginnt das neue Semester, eine neue Zeitrechnung. Die Orgel der Sankt-Michaelis-Kirche spielt das Allegro aus Mozarts Motette „Exsultate, jubilate“, die Sopranistin fordert glockenhell: „Jauchzet und jubelt, ihr glücklichen Seelen!“ Der Präsident strahlt, nur die 1 400 Lüneburger Studienanfänger schauen etwas verdattert umher. Offenbar wissen sie nicht so recht, was von dem Brimborium zu halten ist. Wie soll man auch gucken bei so feierlich inszenierter Ungewissheit?

Denn die Studenten sind Pioniere, eigentlich müsste man sagen: Versuchskaninchen in einem überdimensionierten Bildungslabor. Sie besuchen das neue Lüneburger College und machen einen interdisziplinären Bachelor-Abschluss mit Haupt- und Nebenfach, den es so nur in Lüneburg gibt. Nach drei Jahren können sie an der Graduate School einen Master-Studiengang belegen. Oder sich später, im Beruf, an der Professional School weiterbilden.

Die Uni erfindet sich gerade neu. Nichts bleibt, wie es war, nicht einmal der Name. Sie heißt jetzt Leuphana – eine historische Bezeichnung für die Niederungen rund um Lüneburg. Der neue Präsident Spoun, 38 Jahre jung, Betriebswirtschaftsprofessor aus der Schweiz, möchte aus der Provinz-Hochschule eine edle Bildungsadresse machen. Erste Achtungserfolge sind schon zu bestaunen: Stararchitekt Daniel Libeskind ist Gastprofessor, er hat sogar ein Hörsaal-Gebäude entworfen. Spoun schaffte es außerdem, den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter zur Semester-Eröffnung einfliegen zu lassen. Artig prophezeite der Gast, dass das Leuphana-Projekt „tiefgreifende Auswirkungen auf das Bildungssystem in Deutschland und Europa“ haben werde.

Schneller, höher, weiter: Wer sich im aktuellen Reform-Radau der deutschen Hochschulen Gehör verschaffen will, braucht schon Promis vom Kaliber eines Carter oder Libeskind. Wie in Lüneburg wird derzeit überall an deutschen Unis entrümpelt, reformiert und experimentiert. Als habe jemand die Schleusen geöffnet, bahnt sich nach Jahrzehnten der Apathie eine Flut von Veränderungen ihren Weg durch Hörsäle und Uni-Verwaltungen. „Was wir derzeit erleben“, sagt der Hochschulforscher Detlef Müller-Böling, Chef des Gütersloher Centrums für Hochschulentwicklung, „sind die tiefgreifendsten Reformen an deutschen Universitäten seit Humboldt.“

Schlagworte wie Bachelor und Master, Exzellenzinitiative, Studiengebühren, Autonomie oder Auswahlverfahren dominieren die Diskussion. Hinter jedem dieser Begriffe verbirgt sich eine Reform, jede für sich genommen ist eine enorme Herausforderung. „Es wurde allerhöchste Zeit“, sagt die Bildungsforscherin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, „dass sich die deutschen Unis auf den Weg machen.“

Denn im internationalen Vergleich verlieren sie seit Jahren an Boden. Das Urteil der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist eindeutig: Die deutschen Hochschulen locken zu wenig Studienanfänger an, bilden zu behäbig aus und produzieren mit über 30 Prozent eines Studierenden-Jahrgangs zu viele Abbrecher (siehe Grafiken Seite 40). „Und diese Abbrecher machen nicht in der nächsten Garage ein Softwarehaus auf“, spottet Bildungsforscher Müller-Böling, „sondern kosten viel Geld.“

Exakt 2,2 Milliarden Euro jährlich, hat der Essener Stifterverband errechnet. Addiert man private Investitionen und entgangene Einkommen der Studienabbrecher hinzu, entsteht ein gesamtwirtschaftlicher Schaden von 7,6 Milliarden Euro.

Künftig kann sich Deutschland solche schwarzen Löcher im Bildungssystem noch viel weniger leisten. Spätestens in zehn Jahren, wenn die Doppeljahrgänge der verkürzten Abiturzeit die Hochschulen wieder verlassen, wird die Zahl der Studenten von 2,7 Millionen auf rund 2,3 Millionen sinken. Je weniger Studenten, desto wichtiger ist es, sie vernünftig auszubilden. Denn die Nachfrage nach Akademikern wird steigen.

Ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird, zeigt sich schon jetzt in den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Die Wirtschaft floriert, und die Unternehmen würden liebend gern mehr Ingenieure einstellen. Doch es gibt sie nicht. So sehr Unis, Unternehmen und Politiker auch trommeln: Die Anfängerzahlen in den Ingenieurwissenschaften sinken, in diesem Jahr um vier Prozent, in einzelnen Disziplinen wie Elektrotechnik sogar um elf Prozent.

Die Ingenieur-Debatte zeigt, wie verwundbar eine technologisch getriebene Volkswirtschaft ist. Und welch überragende Bedeutung leistungsfähige Hochschulen haben. Der technische Fortschritt und die höhere Umschlaggeschwindigkeit des Wissens machen Humankapital zu dem Produktionsfaktor schlechthin. Für ihn gilt nicht das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag. Jedes sinnvolle zusätzliche Wissen stiftet zusätzlichen Nutzen, nicht nur dem Erfinder, sondern auch anderen Anwendern. Forscher wie der Stanford-Ökonom und Nobelpreiskandidat Paul Romer räumen deshalb in ihrer Wachstumstheorie dem Humankapital eine herausragende Stellung ein.

Da ist es umso schlimmer, dass die staatlichen Unis hilflos mitansehen müssen, dass angelsächsische Konkurrenten ihnen die besten Talente abspenstig machen. Oder dass sie bei internationalen Ranglisten wie dem Shanghai-Ranking weit abgeschlagen sind. Beste deutsche Uni dort ist die LMU München auf Rang 53, Nummer zwei die TU München auf Rang 56. In die Top-20-Liste schaffen es 17 amerikanische Hochschulen, aus Europa sind nur die britischen Edel-Unis Cambridge und Oxford ganz vorn dabei.

Selbst im eigenen Land sind die öffentlichen Hochschulen vor der Konkurrenz nicht mehr sicher. Die Privaten überzeugen immer mehr Studenten mit innovativen Lehrkonzepten, guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt und hohen Bildungsrenditen.

Der Niedergang der öffentlichen Hochschulen hat historische Gründe. Den Exodus von Top-Wissenschaftlern, die während der Nazi-Zeit vor allem in die USA flohen, haben die deutschen Unis bis heute nicht verkraftet. Und der Wunsch, eine breite Masse an die Hochschulen zu führen, ohne diese entsprechend auszustatten, „hat den Vorsprung der deutschen Universitäten in Forschung und Lehre aufgezehrt“, sagt Andreas Pinkwart (FDP), Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen.

Eine ganze Generation von Politikern, Professoren und Bildungsbürokraten gewöhnte sich an Mangelverwaltung und überfüllte Hörsäle. Dazu setzten sich die Unis selbst mental matt: Der Elitegedanke war verfemt, Mittelmaß dominierte. Andere Länder trimmten ihre Systeme auf einen wettbewerblichen Kurs, Deutschlands Hochschulen dagegen versackten in „einem gigantischen Reformstau, der jetzt abgearbeitet wird“, sagt Bildungsforscher Müller-Böling.

Wenn am Freitag der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft bei der Exzellenzinitiative die neuen Sieger-Unis küren, wird für jedermann sichtbar in den Abendnachrichten das Bewerberfeld in Gewinner und Verlierer geteilt. Das 1,9 Milliarden Euro schwere Spektakel belohnt Unis für vielversprechende und gut organisierte Forschungsprojekte. Die besten dürfen sich das Elite-Uni-Mäntelchen überwerfen, bekommen zusätzliche Millionen.

Was nicht sofort ins Auge springt, ist der kulturelle Wandel, den das Deutschland-sucht-die-Super-Uni-Projekt erzeugt: Sportsgeist flammt auf, Ehrgeiz wird angestachelt, fachfremde Wissenschaftler strengen sich gemeinsam an. Nicht das Preisgeld sei entscheidend, sondern „die Wettbewerbskultur“, sagt NRW-Minister Pinkwart. „Elite und das Bekenntnis zu Leistung“, glaubt er, „werden wieder etwas ganz Normales.“

Noch bedeutender ist die Autonomie und mit ihr die gewaltigen Umbrüche im Innern der Universitäten, in den Rektoratsstuben, Dekanaten und Fakultäten. Je mehr Bundesländer ihre Hochschulen in die Freiheit entlassen, desto stärker entwickelt sich ein wettbewerbliches System. Hessen machte mit der TU Darmstadt den Anfang. Die niedersächsischen Stiftungs-Unis genießen ebenfalls ihre Unabhängigkeit.

Am weitesten geht bisher Nordrhein-Westfalen mit seinem Hochschulfreiheitsgesetz. An Rhein und Ruhr können die 33 Hochschulen Personal einstellen, investieren oder ihre Liegenschaften verwalten, ohne dass das Ministerium hereinregiert. Leistet eine Hochschule Überdurchschnittliches, holt sie etwa besonders viele Drittmittel oder produziert besonders wenig Abbrecher, gibt es zusätzliches Geld. Das gesamte Management einer Hochschule wird durch dieses Anreizsystem zu unternehmerischerem Denken angehalten.

Erstaunliches kommt dabei zutage: Die Riesen-Uni in Köln mit ihren 44 000 Studenten führte ein Online-Buchungssystem für Hörsäle ein und stellte überrascht fest, dass einige Fakultäten ihre Vorlesungen zu unterschiedlichen Zeiten beginnen, was Leerlaufzeiten zur Folge hatte. Die Verwaltung synchronisierte die Anfangszeiten, verbesserte damit die Auslastung der Räume um 16 Prozent – und spart so Mietkosten.

Der Wettbewerb bereitet auch den Boden für eine emotionalere Bindung an die Hochschule. Früher waren Universitäten kaum mehr als ein rechtliches Gefäß, seelenlos, eine zufällige Ansammlung von Lehrstühlen. Heute mühen sie sich um ein Profil, einen inhaltlichen Schwerpunkt, einen Markenkern. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Sie müssen sich von ihren Konkurrenten absetzen, wollen sie Drittmittelgeber überzeugen, gute Professoren und Studenten anlocken oder Top-Forscher halten.

Diese Entwicklung freut nicht jeden. Der neue „akademische Kapitalismus“, behauptet der Bamberger Soziologe Richard Münch, gefährde die Vielfalt des Wissens. Tatsächlich: Schon jetzt bildet sich mehr und mehr eine wissenschaftliche Business Class heraus, die drittmittelstarken technischen und naturwissenschaftlichen Studiengänge hängen die Geistes- und Sozialwissenschaften ab. Nischenstudiengänge werden es künftig schwerer haben.

Viele Professoren, selbst liberale Wirtschaftswissenschaftler oder Naturwissenschaftler, klagen bereits hinter vorgehaltener Hand über das Diktat der Ökonomie. Sie kämen vor lauter Antrag-Schreiberei und Drittmittelsuche kaum noch zum Forschen und Lehren. In den Laboren bliebe weniger Zeit für Experimente.

Dafür wird schiere Größe immer wichtiger. Gesucht wird die kritische Masse, die Ballung von Exzellenz und Effizienz, um im Kampf um Drittmittel und Reputation zu bestehen. Die Uni Karlsruhe und das von der Helmholtzgesellschaft geführte Forschungszentrum etwa wollen künftig gemeinsame Sache machen. Das neue Karlsruher Institut für Technologie, kurz KIT, soll wissenschaftliches Know-how bündeln und den Standort Karlsruhe stärken.

Tief im Westen rücken die drei Ruhrgebiets-Unis Bochum, Duisburg-Essen und Dortmund enger zusammen. Eine vereinigte Ruhr-Universität wäre vom Start weg ein europäisches Schwergewicht: Sie hätte 89 000 Studenten, 1 250 Professoren und einen Jahresetat von 890 Millionen Euro. „Wir könnten noch mehr Synergien nutzen und hätten als Trio eine enorme Forschungskraft“, sagt der Bochumer Rektor Elmar Weiler.

In die Vorlesungen und Seminare von Kiel bis Freiburg zieht ebenfalls ein neuer Geist ein. Mit der Umstellung auf Bachelor und Master wird das studentische Leben und Lernen strukturierter, verschulter. Es gibt mehr Termine, zig Klausuren und höhere Anforderungen – in kürzerer Zeit. In drei Jahren müssen die Kandidaten ihr penibel definiertes Wissensziel erreichen. Andreas Eimer, Leiter des Career-Service der Uni Münster, ist überrascht, wie schnell die Veränderung über die Bühne geht: „Wenn ich denen von Magister- oder Diplomstudiengängen berichte, gucken die mich an, als würde Opa vom Krieg erzählen.“

Eine Änderung spüren die vielen Neulinge gleich in den ersten Sekunden der Immatrikulation: Sie verschulden sich für ihre Karriere. Gerade mal anderthalb Minuten dauerte etwa bei der 22-jährigen Verena Becker die Einschreibeprozedur für das Fach Betriebswirtschaft an der Uni Köln. Als sie wieder draußen war, hielt sie einen Studentenausweis und die Formulare für einen Studienkredit der NRW-Bank über 3 000 Euro in den Händen.

Die klammen Hochschulen freut’s: Bis zu zehn Prozent ihres Etats nehmen sie jetzt durch Studienbeiträge zusätzlich ein. Was tun mit dem Geld? Es darf nur für die Verbesserung der Studienbedingungen eingesetzt werden – nicht immer garantiert das eine kluge Verwendung: In Duisburg-Essen forderten Studenten so viele zusätzliche Tutorien, dass es beinahe mehr Tutoren als Lernende gab und Räume knapp wurden.

Andere Unis wollten mit dem Geld ihre Heizkosten decken oder Klos streichen lassen, das komme ja auch den Studenten zugute, argumentieren sie. „Da geht noch vieles drunter und drüber“, kritisiert Hochschulforscher Teichler.

Immerhin, eine Befürchtung bestätigt sich allem Anschein nach nicht: dass die Gebühren Abiturienten vom Studium abschrecken. Noch liegen keine genauen Zahlen vor, Hochrechnungen aus NRW deuten aber darauf hin, dass die Anfängerzahlen sogar steigen. Auch für Studentin Becker waren Studienbeiträge kein Hinderungsgrund. Den Kredit kann sie nach dem Studium abstottern, „mit dem Bafög werde ich ganz gut klarkommen“, glaubt sie.

Kopfschmerzen bereitet ihr da schon eher die Frage, ob ihr der Bachelor-Abschluss einen Job bringt. Die meisten Hochschulen setzen alles daran, damit das gelingt. „Die Wissensvermittlung ändert sich gewaltig“, sagt Maschinenbauprofessor Manfred Hampe von der TU Darmstadt. „Früher war sie auf den Lehrer fokussiert, heute steht der Lernende im Mittelpunkt.“ Vorbei also die Zeiten, in denen der Durchschnittsprofessor in den Vorlesungen seine akademischen Hobbys ausbreitete. „Viele“, sagt Hampe, „machen sich erst jetzt Gedanken, was sie ihren Studenten überhaupt beibringen wollen.“

Trotz guten Willens läuft einiges schief. Nach der Reform ist vor der Reform. „Das ganze System fährt gerade im Reparaturbetrieb“, kritisiert Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands. Beispiel Auswahlgespräche: Da Studenten sich an mehreren Unis bewerben, entsteht Chaos. Denn häufig halten Unis einem Kandidaten bei einer Zusage den Platz frei, obschon der sich bereits an einer anderen Uni eingeschrieben hat. Wochen vergehen, wartende Bewerber versuchen ihr Glück an anderen Hochschulen. Nicht selten bleiben Plätze an begehrten Unis frei. „Wir müssen dringend unser Zulassungssystem reformieren“, sagt Margret Wintermantel, Chefin der Hochschulrektorenkonferenz.

Beispiel Bachelor. Die Studienzeit ist so kurz und so vollgepackt, dass den Studenten kaum noch Luft für ein Auslandssemester bleibt. Dabei sollen die Abschlüsse eigentlich die Mobilität erhöhen. Beispiel Besoldung: Ein W2-Professor verdient in Deutschland knapp 4 000 Euro brutto und damit weniger als ein Studienrat an einem Gymnasium. „Wie sollen wir da junge Wissenschaftler an der Uni halten?“, fragt Verbandschef Kempen.

Hochschulforscher wie Teichler und Allmendinger kritisieren zudem, dass die Reformen ohne vernünftige Evaluation ablaufen: „Erst warten wir eine Ewigkeit“, sagt Allmendinger, „dann reformieren wir nach dem Motto: Augen zu und durch.“

Ein fundamentales Problem lässt sich per Reform ohnehin nicht lösen: das fehlende Geld. Zwar haben Bund und Länder mit dem Hochschulpakt die Finanzierung für 91 370 zusätzliche Studienplätze bis 2010 abgesichert. Doch das reicht nach Ansicht von Experten hinten und vorne nicht. „Das Studierendenhoch kostet bis zum Jahr 2020 etwa 19,9 Milliarden Euro, der Staat hat bisher aber nur 1,35 Milliarden Euro verbindlich zugesichert“, rechnet Müller-Böling vor.

Auch an eine regionalökonomisch gerechte Hochschulfinanzierung „wagen sich die Politiker nicht heran“, bemängelt Christiane Konegen-Grenier, Hochschulexpertin am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Länder wie Bayern profitieren derzeit erheblich, weil sie hoch qualifizierte Kräfte importieren. Länder wie Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern hingegen spielen den Ausbilder, der die Kosten hat, aber nicht den Ertrag. So besteht die Gefahr, dass die Ausbilderländer Studienplätze abbauen.

Für Wolfgang Herrmann, Chef der TU München, die im vergangenen Jahr die Exzellenzinitiative gewonnen hat, ist die Geldfrage nicht das Hauptproblem. Eine optimistischere Kultur müsse her, die an die deutsche Erfinder- und Entdeckertradition anknüpfe, sagt er. Spitzenforscher wie die gerade gekürten Nobelpreisträger Peter Grünberg und Gerhard Ertl seien die Helden der Gesellschaft. Und überhaupt, ein wenig mehr Selbstbewusstsein stünde den Deutschen gut zu Gesicht: „Es ist durchaus respektabel“, sagt Herrmann, „dass wir mit so wenig Geld noch so verflucht gut sind.“

Neue Abschlüsse: Die unter dem Namen „Bologna-Prozess“ laufende Mega-Reform betrifft 46 Staaten - von Russland bis Zypern. Bis 2010 soll ein gemeinsames europäisches Studiensystem geschaffen werden. Für Deutschland bedeutet das den Abschied von liebgewonnenen Abschlüssen wie Magister oder Diplom zugunsten eines neuen Bachelor- und Master-Systems. Zum neuen Wintersemester 2007 gibt es deutschlandweit bereits 6 886 Bachelor- und Masterstudiengänge und nur noch 2010 Diplom- und Magisterstudiengänge.

Studiengebühren: Studenten in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen müssen bereits zahlen, das Saarland und Hessen ziehen jetzt nach. Pro Semester werden bis zu 500 Euro fällig. In NRW beispielsweise kamen so 100 Millionen Euro zusammen, die die Hochschulen für die Verbesserung der Lehrbedingungen verwenden sollen. Damit stellen Studienbeiträge durchschnittlich etwa zehn Prozent des Etats einer Uni.

Elitenförderung: Die sogenannte Exzellenzinitiative soll den Forschungsstandort Deutschland stärken. Bund und Länder stellen bis 2011 insgesamt 1,9 Milliarden Euro zur Verfügung. Gefördert werden Forschungsprojekte, die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Leistung der Universität als Ganzes. Im vergangenen Jahr gewannen die Technische Universität München, die LMU München und die Universität Karlsruhe den begehrten Titel „Elite-Universität“. Am kommenden Freitag werden die Sieger der zweiten Runde veröffentlicht.

Mehr Autonomie: Die Hochschulen erhalten mehr Freiheit, selbstständig über Personal-, Sach- und Geldfragen zu entscheiden. Je nach Hochschulgesetz eines Bundeslandes gestatten die Wissenschaftsminister unterschiedlichen Gestaltungsspielraum. Pionier ist das Bundesland Hessen mit der TU Darmstadt. Die Hochschulautonomie führt im Optimalfall zu besserem Management. Der Rektor oder Präsident genießt wie der Chef eines Unternehmens eine starke Stellung. In vielen Bundesländern wie Bayern oder NRW hat ein Hochschulrat mit externen Experten ähnliche Aufgaben wie ein Aufsichtsrat in einem Unternehmen.

Auswahl der Studenten: Viele Hochschulen führen inzwischen Auswahlgespräche, um schon im Vorfeld zu klären, ob der Bewerber für das Studium geeignet ist.

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