Reformen sind in Grabenkämpfen zwischen Bund und Ländern stecken geblieben
Länder streiten um Bildungsstandards

Rund zwei Jahre ist es her, als eine Studie die Republik erschütterte: „Pisa“ bescheinigte den 15-jährigen Schülern, dass ihre Leistungen nicht einmal den Durchschnitt aller OECD-Staaten erreichen. Der niederschmetternde Befund löste eine Schockwelle aus, die bis heute durchs Land rollt. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) gab die Losung aus, Deutschland müsse bis 2010 wieder unter die ersten fünf Bildungsnationen kommen.

BERLIN. Ob der drittgrößte Industriestaat der Welt dieses Ziel erreicht, ist keineswegs sicher. Zwar haben die Bundesländer damit begonnen, gegen Missstände im Bildungssystem vorzugehen. So wird der Sprachunterricht für Ausländer-Kinder derzeit ausgebaut. Die Landesregierungen bemühen sich auch darum, den Übergang vom Kindergarten zur Grundschule besser zu organisieren. Außerdem müssen Schüler neuerdings Vergleichsarbeiten schreiben, um das Leistungsniveau bundesweit zu überprüfen.

Doch das reicht nicht aus, um den Bildungsstandort Deutschland wieder an die internationale Spitze zu bringen. Experten sind sich einig: Deutschland muss sich bundesweite „Bildungsstandards“ geben, damit es an den Schulen endlich wieder aufwärts geht. In anderen Staaten sind solche Standards selbstverständlich: Sie beschreiben, welche Kompetenzen Schüler in einem bestimmten Alter haben sollen – beispielsweise die Fähigkeit, Texte verschiedener Niveaus zu verstehen, zusammenzufassen und zu kommentieren. An solchen Standards könnte der „Output“ des Schulsystems gemessen und bundesweit verglichen werden.

Doch davon ist Deutschland derzeit noch meilenweit entfernt. Insgesamt 2500 Lehrpläne bestimmen den Schulalltag - mit je nach Bundesland höchst unterschiedlichen Inhalten. Bildungsforscher haben Zweifel, ob sich an dieser Kleinstaaterei jemals etwas ändern wird. Zwar haben die Länder mittlerweile einheitliche Bildungsstandards entworfen. Fraglich sei aber, ob diese Standards „wirklich Kompetenzen messen“ oder nicht doch einer „Addition von Lehrplänen“ gleichkommen, warnt Hermann Avenarius vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Unklar ist zudem, wer die Einhaltung der neuen Bildungsstandards eigentlich überprüfen soll. Nach internen Plänen der Länder soll dafür eine neue Agentur, angegliedert an eine Universität, entstehen. Doch darum sind heftige Grabenkämpfe zwischen Bund und Ländern entbrannt. Das Angebot der Bundesregierung, 75 % der Kosten für die Agentur zu übernehmen, lehnen die Länder ab. Sie haben Angst, ihre grundgesetzlich garantierte Bildungshoheit zu verlieren. Stattdessen wollen die Länder die Agentur nun aus Kostengründen mit „überzähligem“ Personal der Landesministerien besetzen. Fachleute schütteln mit dem Kopf: Einer mit Landesbeamten besetzten Bildungsagentur fehle die politische Distanz, um das Leistungsniveau von Schulen objektiv bewerten zu können. Schulrechtler Avenarius: „Dann fehlt die kritische Sonde.“

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