Reformprojekt Gesundheit
Der Arzt als Unternehmer

Die Gesundheitsreform hat einen neuen Typ Unternehmer geschaffen. Niedergelassene Ärzte sollen künftig stärker in Gemeinschaftspraxen arbeiten. Das "Polikum" in Berlin nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Hier sind über 30 Ärzte unter einem Dach.

BERLIN. Über mangelndes öffentliches Interesse kann sich Wolfram Otto (37) nicht beklagen. Seit sein Polikum im Westen der Hauptstadt im Oktober 2005 öffnete, reißt der Strom interessierter Besucher aus Medien, Politik und Gesundheitsszene nicht ab. Im Februar kam sogar Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vorbei – und zeigte sich beeindruckt.

Otto verkörpert wie sein Kollege Heinrich Maria Schulte (52) einen neuen Typ ärztlichen Unternehmers, das die SPD-Ministerin mit ihrer Gesundheitsreform erst ermöglicht hat. Denn das Gesundheitsmodernisierungsgesetz schuf die rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass Ärzte medizinische Versorgungszentren (MVZ) gründen können. So baute Schulte das von ihm geführte Endokrinologikum in Hamburg zu einem bundesweiten Spezialanbieter für Hormontherapie und Labordiagnostik aus.

Schon Mitte der 90er-Jahre hatte Otto die Idee, das mit der DDR untergegangene Konzept der Polikliniken in modernem Gewand wiederzubeleben. Als 2004 Schmidts Reform in Kraft trat, kam ihm der Zufall zu Hilfe. Genau auf der anderen Straßenseite der hausärztlichen Praxis, die er seit 2002 mit der Internistin Susanne Schwarz führte, stand ein Gebäude leer. Es gehörte zum Auguste-Viktoria-Klinikum, das 2001 in die Vivantes-Krankenhaus-GmbH integriert worden war.

Was unterscheidet Ottos Konzept von dem der DDR? Auch Otto wollte die verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen unter einem Dach vereinen – mit den bekannten Vorzügen: kurze Wege und Wartezeiten für Patienten, Vermeidung von Doppeluntersuchungen, besserer Koordinierung der Therapie. Vor allem aber wollte er die Techniken moderner Datenverarbeitung nutzen, um die in einem solchen Konzept schlummernden Synergien zu heben. Im Polikum gibt es deshalb bereits die digitale Patientenakte, die deutschlandweit erst mit der elektronischen Gesundheitskarte möglich sein wird.

Außergewöhnliches Know how ist für so ein Projekt unerlässlich. So studierte Otto nicht nur im Zweitstudium an der Uni Köln Gesundheitsökonomie. Bevor er sich 2002 als Facharzt für Allgemeinmedizin niederließ, hatte er zudem in Süddeutschland ein Dienstleistungsunternehmen aufgebaut, das Arztpraxen bei der Prozessoptimierung half. Eine große Zahl von Praxen brachte er auf Vordermann, bevor er sein Unternehmen 2000 verkaufte.

Deutschlandweit gibt es heute 350 medizinische Versorgungszentren. Die meisten sind mit durchschnittlich knapp über drei Ärzten klein, die Vorteile gegenüber einer klassischen Arztpraxis gering. Mit über 30 Ärzten ist das Polikum dagegen das größte MVZ in Deutschland. Es kann sich daher auch teuerste Medizintechnik leisten. Otto will den Patienten für jede medizinische Fachdisziplin mindestens zwei Ärzte zur Auswahl anbieten, die alle den gleichen hohen Qualitäts- und Fortbildungsstandards genügen sollen. Mit 45 angestellten Ärzten hofft er diesem Ziel im Sommer ein großes Stück näher zu sein. Zudem will er sein Konzept zur Marke machen. Am Ende soll es bundesweit ein Netzwerk von MVZ geben, die die hohen Standards des Polikums erfüllen, geben. Aber: „Das ist noch Zukunftsmusik“, räumt Felix Cornelius ein, Leiter der Abteilung Strategie und Entwicklung bei Polikum.

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