Reformvorschläge
Bildungsmarkt, schwieriger Markt

Mehr Privatschulen, autonome Pädagogen und leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern. Diese Reformen fordert der „Aktionsrat Bildung“. Mehr Wettbewerb zwischen Schulen solle die Lehre verbessern. Klingt gut. Doch was auf Märkten funktioniert, lässt sich nicht eins zu eins auf die Bildung übertragen.

MÜNCHEN. Der Zeitpunkt, den der „Aktionsrat Bildung“ für die Veröffentlichung seiner Publikation „Bildungsgerechtigkeit“ gewählt hat, ist denkbar günstig. Während Deutschland über Krippenplätze und frühkindliche Förderung diskutiert, setzt das Gremium Schulbildung auf die politische Agenda. Die Vorschläge des Rates zielen auf mehr Wettbewerb zwischen den Schulen. Das klingt spannend, weil innovativ. Aber Moment mal: Wer ist das eigentlich, der das deutsche Bildungssystem kräftig umkrempeln will? Weiß dieser Rat, wovon er redet?

Davon ist auszugehen. Im „Aktionsrat Bildung“ sitzen sieben ausgewiesene Experten: Unter anderem Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Detlef Müller-Böling, Chef des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Dazu kommt mit Ludger Wößmann vom Ifo-Institut ein Wirtschaftsspezialist. Trotzdem kennt bisher kaum jemand das Gremium. Das mag wohl daran liegen, dass es erst seit 2005 existiert.

Klar ist: Der 160 Seiten starke Befund zum deutschen Bildungssystem, den der Aktionsrat in der vergangenen Woche vorgelegt hat, liest sich an einigen Stellen wie ein Marktbericht. Um „high stake-Assessments“ und Schulen, die sich an ihrem „Output“ orientieren sollen, geht es da. Die Forderungen des Rates klingen so gar nicht nach der Soziologen-Spreche, die dem Lehrer-Milieu geheimhin nachgesagt wird. Das mag damit zusammenhängen, dass das Gremium einen Teil seines Geldes von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erhält. Doch der Rat beteuert seine Unabhängigkeit. Auf Basis der PISA-Ergebnisse und einer umfassenden Analyse des deutschen Bildungssystems hätten die Professoren ihr Gutachten erstellt.

Nach ökonomischen Rezepten zur Lösung bildungspolitischer Probleme klingt der Bericht trotzdem: Mehr Privatschulen, mehr Autonomie und leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern fordert das Gremium.

Bezüglich einiger dieser Vorschläge schlägt dem Aktionsrat reichlich Kritik aus der Politik entgegen. Vor allem die grundsätzliche Favorisierung von Privatschulen findet wenig Zustimmung. „Eine Schule ist kein Unternehmen“, sagt die Grünen-Bildungsexpertin Priska Hinz. Eine Privatschule sei nicht per se besser als eine öffentliche.

Auch in der großen Koalition ist man sich einig, dass das Gros der Lehrstätten in öffentlicher Trägerschaft bleiben soll. „Grundsätzlich müssen die Schulen in staatlicher Verantwortung bleiben“, sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Der SPD-Bildungsfachmann Ernst-Dieter Rossmann bestätigt: „Nur so kann eine vergleichbare Bildung für alle jungen Menschen gewährleistet werden.“

Das Szenario, das Kritiker angesichts der Forderungen des Aktionsrates zeichnen, ist klar: Wenn die meisten Schulen privat getragen würden, könnten nur reiche Leute ihre Kinder auf gute, teure Privatschulen schicken. Die öffentlichen Anstalten würden abgewertet –Verhältnisse wie in den USA. Eine solche Tendenz sieht der Aktionsrat bereits heute bei unterschiedlichen Schulformen. „Hauptschulen sind in einigen Ländern eine Art Restschule geworden“, sagt Manfred Prenzel, Ratsmitglied und Chef des deutschen PISA-Teams. Er fordert daher, dass Haupt- und Realschulen zusammengelegt werden.

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