Regierung grundsätzlich einverstanden
Machtpoker um verkürzte Ausbildung

In der Diskussion um den Lehrstellenmangel wird einmal mehr die Forderung nach der Einführung von Kurzausbildungen laut. Die Arbeitgeber sind dafür, die Gewerkschaften dagegen.

BERLIN. Die Krise am Lehrstellenmarkt hat sie wieder in den Fokus der Diskussion gerückt: die zweijährigen Berufsausbildungen, die Arbeitgeber seit Jahren fordern. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (beide SPD) haben ihr grundsätzliches Einverständnis gegeben.

Doch entschieden ist noch lange nichts, die Kurzausbildung droht zur Machtprobe mit den Gewerkschaften zu werden, die ihren Widerstand gegen die „Schmalspurausbildungen“ keinesfalls aufgegeben haben. Es sei sehr fragwürdig, ob die von den Arbeitgebern dafür vorgeschlagenen neuen Berufe – vom Änderungsschneider über die Servicekraft für Kurier-, Express- und Postverkehr bis zum Maschinenführer – „tragfähig“ seien, zweifelt Volker Scharlowsky, Abteilungsleiter Bildung beim DGB.

Seine Kollegen von den Einzelgewerkschaften sagen schlicht Nein: „Die Betriebe brauchen keine Halbgebildeten“, warnt Klaus Heimann, Abteilungsleiter Berufsbildung bei der IG Metall, „sondern Allrounder“. So seien zwei Jahre zu kurz, um etwa einem Änderungsschneider auch die nötigen kaufmännischen Kenntnisse zu vermitteln.

Viel wichtiger, als Lehrlinge „auf bestimmte Tätigkeiten zu trainieren“, sei es, guten Lehrlingen Zusatzqualifikationen wie Sprachkurse anzubieten, meint Jörg Hesse, Berufsbildungsspezialist bei Verdi. Er ist überzeugt, dass die Arbeitgeber über die Kurzausbildung „den Niedriglohnsektor qualifizieren wollen“. „Daran haben wir kein Interessen – denn die Berufsperspektiven sind nicht da.“

Stimmt nicht, halten die Arbeitgeber dagegen (siehe Interview). Nach ihren Schätzungen könnten rund 25 000 neue Ausbildungsplätze entstehen. Der Bedarf nach diesen Fachkräften sei in spezialisierten Betrieben durchaus vorhanden. Wem die Kurz-Lehre dann doch nicht ausreiche, der könne ja eine zweite Lehre dranhängen.

Diese „Stufenausbildung“ hält Hesse für eine Schimäre: Das habe die Erfahrung im Handel gezeigt, wo man früher nach zwei Jahren Verkäuferin nach einem Zusatzjahr den Abschluss zur Einzelhandelskauffrau machen konnte. Weil es nicht funktionierte, habe man die beiden Berufe später wieder getrennt.

Praktiker sind ohnehin nicht begeistert vom Ideologie-Streit. So wartet etwa die Branche der Kurier-, Express- und Postdienste seit 1999 auf einen eigenen Ausbildungsberuf – egal wie lang. Weil sich aber „die Arbeitgeber unseren Fall ausgesucht haben, um ein politisches Exempel für die zweijährige Ausbildung zu statuieren, und die Gewerkschaften nicht nachgeben, fällt die Branche hinten runter“, klagt der Bundesverbandsvorsitzende Rudolf Pfeiffer.

Schon heute gibt es bereits 30 zweijährige Ausbildungen, die wichtigste davon ist der Verkäufer. Die meisten gibt es bereits seit Jahrzehnten. In den 90er Jahren kamen einige wenige dazu, etwa der Hochbaufacharbeiter. Die Arbeitgeber würden gern möglichst schnell 22 zusätzliche Kurzberufe einrichten.

Bis zum September sollen sie sich mit den Gewerkschaften nun über sechs davon einigen, hat das Wirtschaftsministerium verfügt. Anderenfalls will das Ministerium die Kurzausbildungen notfalls gegen den Willen der Gewerkschaften einführen – „möglichst zum 1. August 2004“ heißt es im Protokoll eines Treffens mit den Sozialpartnern.

Das wäre allerdings eine Revolte gegen die Tradition: seit Jahrzehnten regeln Arbeitgeber und Gewerkschaften alles rund um die Ausbildung im Konsens. Wenn das Ministerium diese ungeschriebene Regel nun breche, „warum sollen wir dann noch weiter als Berater zur Verfügung stehen“, droht Verdi-Mann Hess mit einem Totalboykott.

In den Arbeitgeberverbänden mehren sich denn auch die Zweifel, ob ausgerechnet die rot–grüne Regierung hart bleibt und ihr Versprechen hält. Die wiederum ist sich offenbar nicht ganz sicher, wie wichtig die Angelegenheit den Arbeitgebern ist und ob diese zusammenhalten. Ministeriale haben bereits angefragt: „Steht ihr dann auch wie ein Mann hinter uns?“

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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