Reichsfinanzministerium
Finanzbeamte halfen bei der Enteignung von Juden

Nachdem die Rolle des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit öffentlich diskutiert worden ist, rückt nun auch das Finanzministerium in den Blickpunkt der Wissenschaft. Historiker untersuchen die Rolle des Reichsfinanzministers in der Nazi-Diktatur.
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BERLIN. Nach dem Ende des Nationalsozialismus stellte Hitlers Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk sein Ministerium als "Aufsichtsbehörde ohne politischen Rückhalt" dar. Und weil Hitler selbst Finanzbeamte als "Spitzbuben" verspottet hatte, setzte sich nach dem Krieg das Bild von den eher harmlosen Buchhaltertypen im Finanzministerium fest.

Doch das Bild ist falsch: Ohne für das Regime engagierte Finanzbeamte hätte der Nationalsozialismus weit vor Kriegsende vor dem finanziellen Kollaps gestanden. Mit Steuern, Schulden und Raub stellte das Reichsfinanzministerium die Gelder für Aufrüstung und Krieg sicher. Das ist das Ergebnis einer noch von Peer Steinbrück (SPD) im Sommer 2009 eingesetzten Kommission, die der Kölner Historiker Hans-Peter Ullmann leitet.

Er sieht das Reichsfinanzministerium in einer zentralen Rolle auch bei der systematischen Enteignung der Juden lange vor ihrer Verschleppung in die Konzentrationslager. Die Kommission stellte erste Ergebnisse gestern den Mitarbeitern im Bundesfinanzministerium vor. Eine umfassende Analyse der Rolle des Ministeriums im Nationalsozialismus wird allerdings erst in drei bis vier Jahren fertig werden. Vor allem, ob und wie häufig personelle Kontinuität nach 1945 das neue Bundesfinanzministerium prägte, muss noch aufgearbeitet werden.

1934 war die Steuerverwaltung die erste öffentliche Verwaltung, die systematisch jüdische Steuerpflichtige diskriminierte. "Die Steuergesetze sind nach nationalsozialistischer Weltanschauung auszulegen", legte das "Steueranpassungsgesetz" fest. Juden mussten den Spitzensteuersatz zahlen, Familienvergünstigungen galten für sie nicht. Die bereits seit 1931 bestehende "Reichsfluchtsteuer", in der Weimarer Republik gedacht als Instrument gegen den Wegzug reicher Bürger, wurde gezielt gegen Juden eingesetzt.

Nach der Pogromnacht 1938 wurde eine "Judenvermögensabgabe" fällig - zur "Wiedergutmachung" der Schäden, die bei den Ausschreitungen der Nazis gegen die Juden entstanden waren, analysierte die Historikerin Christiane Kuller.

Als 1941 die Deportationen begannen, war es wiederum das Reichsfinanzministerium, das dafür sorgte, die Reste der bürgerlichen Existenz zu verwerten. In den Finanzämtern gab es Abteilungen, die Wohnungen ausräumten, Rechnungen beglichen, Eigentum versteigerten und neue Mieter fanden. Sie trugen damit laut Kuller "wesentlich dazu bei", dass das plötzliche Fehlen der Deportierten nicht etwa durch leerstehende Wohnungen auffiel.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Reichsfinanzministerium: Finanzbeamte halfen bei der Enteignung von Juden"

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  • also diskriminiert wird heute noch immer. hauptsächlich die unterprivilierten normalen steuerzahler. doch jetzt mal inm ernst. warum muss immer noch da rumgewühlt und dafür ein professor engagiert werden. sinnlose geldschneiderei ist das. aber man kann ja den kolaps verhindern, indem man weiterhin diskriminiert.

  • ist das jetzt was Neues? Nein.
    ist das nach 65 Jahren noch eine Meldung wert? Nein.
    ist das eine Rechtfertigung dafür, dass die Jungs heute immer noch Wegelagerer und beutelschneider sind? Nein.

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