Reise an den Golf
Zu Guttenberg – Das Ende eines Märchens

Der Wirtschaftsminister bricht kurz nach Ostern in Richtung Abu Dhabi auf, findet dort die geeigneten Investoren und kann sich nach seiner Rückkehr als Retter von Opel feiern lassen - diese Vorstellung ist einfach zu schön, um wahr zu werden.

DUBAI/BERLIN. Lange hatten sich die Leute um Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zwar darum bemüht, dieses Wunschbild in den Köpfen gar nicht erst entstehen zu lassen. Dennoch hatte es sich gerade bei vielen Journalisten festgesetzt. Jetzt also die Auflösung: Ja, der Minister stattet den Scheichs einen Besuch ab, aber nicht jetzt, sondern vom 9. bis zum 11. Mai. Und es geht nicht nur nach Abu Dhabi, sondern voraussichtlich auch nach Riad und möglicherweise in den Jemen. Und es geht keinesfalls nur um Opel. Nein, es geht vielmehr darum, bei finanzkräftigen Investoren für den Technologie-Standort Deutschland schlechthin zu werben. Der hilfsbedürftige Autobauer ist nur ein Thema unter vielen.

Die Überschrift "Zu Guttenberg sucht Opel-Retter in den Emiraten" hat man im Ministerium von vornherein nicht gern gesehen. Sie war entstanden, nachdem Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) geglaubt hatte, ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erlebt zu haben. Anfang April empfing Rüttgers hochrangigen Besuch aus dem Emirat Abu Dhabi. In einem Privathaus an der Ruhr bewirtete der Landesvater Scheich Hamdan, Vize-Premier und Sohn des Herrschers. Bei Matjes mit Hausfrauensoße und kalten Forellenfilets parlierte Rüttgers über die Vorzüge des deutschen Maschinenbaus und der Kraftfahrzeugbranche. Dabei fiel auch der Name des fieberhaft nach einer milliardenschweren Finanzspritze suchenden Autobauers Opel. Der Gast aus dem Mittleren Osten hatte die Hände gefaltet und hörte aufmerksam zu. "Scheich Hamdan sagte, er sehe große Potenziale für eine Kooperation", meldete die Nachrichtenagentur der Vereinigten Arabischen Emirate später. Er kenne einige finanzstarke Staatsfonds und Investoren in Abu Dhabi, wurde der Scheich zudem in der deutschen Presse zitiert.

Am Tag darauf brach zwischen Flensburg und Freilassing Jubel aus. Das Rüttgers-Lager, die Unternehmensleitung und der Gesamtbetriebsrat von Opel hatten den Retter für den maladen Auto-Produzenten ausfindig gemacht: Die trotz Finanzkrise in Petrodollar schwimmenden Araber sollten es richten. Hatte nicht die staatlich kontrollierte Firma Aabar aus Abu Dhabi mit ihrem Einstieg bei der Nobeladresse Daimler einen formidablen "weißen Ritter" abgegeben? Sobald ein deutsches Unternehmen mit dem Rücken zur Wand steht, rücken ganz schnell die sagenhaft reichen Scheichs in den Mittelpunkt.

Doch Rüttgers & Co. haben zwei entscheidende Dinge falsch bewertet: Die Araber kennen das Wort "nein" in der Verhandlungssprache nicht. Absagen werden höflich verbrämt oder mit rhetorischem Puderzucker garniert. Wenn ein Geschäftspartner aus Mittelost ein interessiertes Gesicht macht und betont: "Das ist ein vielversprechender Vorschlag, lassen Sie uns in Kontakt bleiben", heißt das: "Die Sache ist gestorben." Hinzu kommt, dass die Düsseldorfer Kommunikations-profis zu schnell mit der vermeintlich guten Botschaft hausieren gingen. Die Scheichs lieben es dagegen diskret und fernab der Öffentlichkeit. Den erfolgreichen Abschluss wollen sie gern selbst verkünden.

Am Persischen Golf sorgten die Berichte aus Deutschland daher für ungläubiges Staunen. "Kein Mensch kennt hier Opel, das gilt bei uns nicht als attraktive Marke", sagt ein arabischer Geschäftsmann. Mercedes, BMW oder Porsche dagegen seien glanzvolle Namen. In deutschen Wirtschaftskreisen am Golf schüttelte man den Kopf. "Abu Dhabi ist kein Sozialinstitut, da sitzen knallharte Rechner", sagt ein Manager.

Die großen öffentlichen Investoren von Abu Dhabi winkten ebenfalls ab. "Opel stand bei uns nie zur Diskussion", wischte die Abu Dhabi Investment Authority, der finanzstärkste Staatsfonds der Welt, jedwede Spekulation vom Tisch. "Wir denken derzeit nicht über den Kauf von Autoaktien nach", stellte der Finanzchef der Gesellschaft Mubadala fest. "Wir haben kein Interesse an Opel", erklärten der Daimler-Investor Aabar sowie dessen Muttergesellschaft International Petroleum Investment Company klipp und klar. Der Luftballon ist geplatzt, Ende der Märchenstunde.

Zu Guttenberg muss die von Rüttgers geschürten Erwartungen nun dämpfen. Bei seiner Reise wird er sich ganz einfach für Deutschland starkmachen - wie es sich für einen Wirtschaftsminister gehört. Er wird möglicherweise in Abu Dhabi den Kronprinzen treffen. Die Rettung für Opel allerdings wird er nicht liefern können.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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